Autor: Sibel Schick

Drei Plakate, drei Forderungen

Drei feministische Forderungen anhand von drei Plakaten der Istanbuler «Nachtdemonstration» am 8. März. Aufgrund der turbulenten Zeiten ist die Türkei derzeit ein heißes Thema in den deutschen Medien. Während Repression und Gewalt zunehmen, richtet sich das Augenmerk vermehrt auf die sozialen Bewegungen, insbesondere auf die feministische Bewegung. Die eindrucksvollen Bilder der «feministischen Nachtdemonstration» vom 8. März 2018 in Istanbul haben viele gesehen. Der inzwischen zur Tradition gewordene Marsch fand dieses Jahr zum 16. Mal statt. Frauen und LGBTQIA aus allen Fraktionen kamen zusammen, verzichteten auf die Embleme ihrer jeweiligen Organisationen und bastelten stattdessen gemeinsam neue Demonstrationsplakate. Drei dieser Plakate haben wir ausgewählt, um die dahinter stehenden Forderungen zu erläutern. «Vibratoren statt Diktatoren» Obwohl die sexuelle Freiheit der Frau eines der wichtigsten Themen der feministischen Bewegung der Türkei ist, stößt dieses Thema auch innerhalb der Bewegung auf Grenzen. Grund dafür ist, dass Sexualität bzw. der Umgang mit Sexualität nach wie vor sehr tabuisiert wird. Plakate, Poster, Kampagnen und Slogans zu diesem Thema sind deshalb noch Seltenheiten, sie lösen heftige Diskussionen aus und provozieren insbesondere heterosexuelle cis-Männer. …

Neue Feinde

Was bedeuten die Wahlergebnisse der Türkeiwahl für die Zivilgesellschaft und den feministischen Journalismus? Ein Gespräch mit einer Journalistin und zwei LGBTTQIA-Aktivist*innen. Am 24. Juni fanden in der Türkei zum ersten Mal die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zeitgleich statt: Mit 42,56 Prozent ist die AKP stärkste Partei im Parlament. Präsident Recep Tayyip Erdoğan erhielt in der ersten Runde zehn Millionen (52,59 Prozent) mehr Stimmen als sein stärkster Gegner, der CHP-Kandidat Muharrem Ince. Erdoğan darf jetzt per Dekret regieren. Ebenso wie andere regierungskritische zivilgesellschaftliche Gruppen stehen auch die LGBTTQIA-Bewegungen seit dem Putschversuch 2016 unter massivem Druck. Obwohl sich die LGBTTQIA-Aktivist*innen seit den 1990er Jahren für mehr Teilhabe und Sichtbarkeit einsetzen, sind sie seit den Gezi-Protesten viel sichtbarer. 2013 nahmen unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 50 und 100 Tausend Menschen an dem jährlichen Pride-Marsch teil. Seit 2015 wird der Pride-Marsch aufgrund scheinbarer Sicherheitsgründe oder aufgrund „gesellschaftlicher Sensibilitäten“ verboten – die Regierung nutzte die letzten zwei Jahre die Gelegenheit, dass der Termin der Demonstration den heiligen Monat Ramadan überschneidet. 2017 untersagte das Gouverneursamt Ankaras sogar alle Kulturveranstaltungen von LGBTTQIA-Organisationen und -gruppen …

Morde an trans Frauen sind politisch

Esra Ateş und Begüm: Zwei trans Frauen, die im Sommer 2018 von nur innerhalb einer Woche getötet wurden. Dank der Arbeit von zahlreichen LGBTQIA-Organisationen war der öffentliche Aufschrei groß. Ohne ihre Arbeit und die der feministischen Journalist*innen hätten diese Delikte möglicherweise keine öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenken können. Denn der türkische Staat und seine Institutionen erheben keine Daten zur Gewalt gegen trans Frauen. Bei Gewalttaten an trans Frauen registriert die türkische Polizei weder die trans Identität noch die Natur der Taten, wie zum Beispiel Gewalt an trans Sexarbeiterinnen, als identitätsspezifisch, was es erschwert, an zuverlässige Daten heranzukommen. Die Delikte an cis Frauen werden genauer dokumentiert, allerdings nicht vom Staat, sondern von feministischen Organisationen und Journalist*innen. Ein Online-Zähler dokumentiert Morde an cis Frauen und auf einem Dossier des regierungskritischen, unabhängigen Nachrichtenportals bianet dokumentiert die Journalistin Çiçek Tahaoğlu Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Eine  ausführliche Dokumentation der Gewalttaten an trans Frauen fehlt jedoch. Allerdings erhebt eine Organisation aus Deutschland Zahlen zu Morden an trans Personen in der Türkei: Laut einem Report von Transgender Europe, eine Organisation mit Sitz in …

Wie geht Online-Aktivismus?

Wie kann das Netz für positive Veränderung in der Gesellschaft genutzt werden? Wie kann ich meine Reichweite vergrößern? Was sind die Tools und Plattformen, und wie kann ich effektiv posten? Die sozialen Netzwerke spielen zweifellos eine große Rolle in unserem Leben. In den Zeiten des Rechtsrucks und der Nazidemonstrationen ist es existenziell wichtig, dass sich Menschen klar positionieren. Aus unterschiedlichen Gründen ist es nicht für alle Menschen vorstellbar, auf die Straße zu gehen. Wir brauchen eine neue Demonstrationskultur. Mit einem 90-minütigen Workshop zeige ich, wie man erfolgreich postet, die Reichweite erweitert und wie die Rechten die sozialen Netzwerke für ihr Propaganda und das Verbreiten der Falschmeldungen nutzen. Für Anfragen: contact@sibelschick.net

Gendergerechte Berichterstattung

Mit einem 45-minütigen Workshop präsentiere ich die toten Winkel der Berichterstattung, und Tools, mit denen die Berichterstattung und die Sprache diskriminierungsfrei gestaltet werden kann. Ggf. kann die Laufzeit verlängert und der Einblick vertieft werden. Für Anfragen: contact@sibelschick.net

Widerstandsstrategien der (queer)feministischen Bewegungen der Türkei

Was sind die Kernthemen und die Widerstandsstrategien der (queer)feministischen Bewegungen der Türkei? Welche Rolle spielen die Medien im Kampf für die Gleichberechtigung, und welche Herausforderungen stellt der Krieg dar? Mit einem 55-minütigen Vortrag biete ich einen Einblick in die (queer)feministischen Kämpfe der Türkei an. Anfragen unter contact@sibelschick.net.

Ich sehe was, was du nicht siehst: Medien in der Türkei vor dem Referendum

Journalisten verhaftet, Sender unter AKP-Einfluss. Kurz vor dem Verfassungsreferendum sind Präsident Erdoğan und sein „Evet“ in den Medien omnipräsent. Wie kann das Nein, das „Hayır“, da durchdringen? Als Ende Mai 2013 die Gezi-Proteste losbrachen, wurde in den großen türkischen Medien über alles Mögliche berichtet – nur nicht über die Proteste und die Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden. Bei CNN Türk lief unter anderem ein Dokumentarfilm über Pinguine, und kurz darauf wurden ebendiese Pinguine zum Maskottchen der Proteste. Es war eine Art Offenbarung. Denn aufgrund der Berichterstattung der regierungsnahen Sender begannen sich nun viele De­monstrierende zu fragen, ob die Medien wohl auch über den so­genannten Kurdenkonflikt und andere Themen so berichteten wie über ihre Proteste. Hatten die schon immer so gearbeitet? ­Orientierten sich die großen Medien schon immer an den Interessen des Staats, statt zu versuchen, sich der Wahrheit zu nähern? Am 16. April stimmt die Bevölkerung der Türkei entweder für oder gegen den Erhalt der Demokratie. Mit dem zur Wahl stehenden Präsidialsystem, das Recep Tayyip Erdoğan und die AKP-Regierung sich wünschen, würde dem Präsidenten die Macht …

Pakistanische Dschihad-Zeitschrift für Frauen: „Lernt, zu Hause Granaten zu basteln“

Die pakistanischen Taliban bringen ein Magazin heraus, um Frauen zu mobilisieren. Kann da mehr drin stehen als patriarchale Terror-Propaganda? Das Cover ist sepiafarben, darauf zu sehen ist eine Frau mit Burka, die nur von hinten sichtbar ist. Die Frauenzeitschrift der pakistanischen Taliban heißt Sunnat E Khola, auf Deutsch „Kholas Weg“. Khola ist der Name einer muslimisch-arabischen Kämpferin, die zur Zeit des Propheten Mohammed gelebt hat und mit ihm zusammen gekämpft haben soll. Ihre Familie sei eine der ersten, die den Islam annahm, so die Überlieferung. Der Titel der Zeitschrift ist Programm: Mithilfe der Texte sollen Frauen dazu gebracht werden, eine aktive Rolle bei der Verbreitung des Islam zu spielen. Die erste Ausgabe der Frauenzeitschrift erschien Anfang August, und sie ist ausschließlich im Netz als PDF-Datei zu finden. Die sechs Beiträge in englischer Sprache auf 43 Seiten richten sich an Frauen, Mädchen und Kinder: „Wir möchten Frauen dazu bringen, eine historische Rolle zu übernehmen und die Fahne von Allah zu schwenken“, bestätigt Muhammad Khurasani, der sich als Sprecher der pakistanischen Taliban versteht, auf Anfrage per E-Mail. Die Beiträge …

Dokumentarserie auf YouTube: Erfahrungen greifbar machen

Die Webserie „Berliner Farben“ porträtiert People of Color aus der Kunst- und Aktivismusszene. Nun erscheint die zweite Staffel auf YouTube. Wenn Poliana Baumgarten an die Medien ihrer Jugend denkt, erinnert sie sich an Arabella Kiesbauer und Viva-Moderatorin Milka: „Das waren die einzigen Personen, mit denen ich mich identifizieren konnte. Aber gleichzeitig haben sie Rassismus nie thematisiert.“ Heute dreht Baumgarten, die in Brasilien geboren ist und seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland lebt, eine Webserie über People of Color (PoC), die unter anderem auch von ihren Diskriminierungserfahrungen sprechen. Die 26-jährige Kulturwissenschaftlerin erzählt, dass sie erst vor vier Jahren begann, sich mit ihrer Identität zu beschäftigen. Früher habe sie sich die Haare geglättet und versucht, besonders akzentfrei zu sprechen. „Ich wollte mich assimilieren. Ich habe verdrängt, was Rassismus ist und wie er auf mich wirkt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das auch an den Medien liegt, die ich konsumiere.“ Die Repräsentation von PoC sei nicht realitätsnah, deshalb habe sie beschlossen, in „Berliner Farben“ PoC zu porträtieren, die etwas bewegen. Die zweite Staffel der Dokumentarserie ist seit Dienstag auf …

Trans-Filmemacher über Porno und Sex: „Ich dachte es tut weh und blutet“

In der Sexdoku „The 36-year-old Virgin“ hält Skyler Braeden Fox seinen ersten Sex mit einem Mann fest; und die Angst, die er vor diesem Moment hatte. Herr Fox, kurz nach dem Dreh Ihres ersten Pornos „Hello Titty“ haben Sie sich die Brüste entfernen lassen. Warum vorher noch der Film? Skyler Braeden Fox: „Hello Titty“ war meine Art, meine Titten zu verewigen. Es fiel mir schwer, mich von ihnen zu trennen. Weshalb? Ich wollte meine Titten schon loswerden, weil ich wusste, dass ich mich in dieser Gesellschaft ohne sie wohler fühlen würde. Trotzdem habe ich sie manchmal auch gern gehabt. Ich habe mich häufig gefragt: Kann ich mich nicht auch mit ihnen wie ein Mann fühlen? Muss ich sie mir wegoperieren lassen? Es war keine leichte Entscheidung. Transgender zu sein heißt nicht unbedingt, eine OP durchmachen zu wollen. Es ist nicht selbstverständlich. Wurde es nach dem Film leichter? Sobald ich die Idee für „Hello Titty“ hatte, wusste ich, dass ich bereit war. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich jetzt endlich loslassen kann. Mir ging es um …