Autor: Sibel Schick

Hört auf, Kindern „Du wirst eine gute Mutter werden“ zu sagen

Ich habe eine Freundin, sie ist eine sogenannte Superfrau: Sie hat ein Baby und ist berufstätig. Sie hat zeitgleich ein Kind bekommen und einen Laden eröffnet, sie arbeitet seitdem sie das Kind hat. Alles, was erledigt werden muss, erledigt sie. Sie arbeitet Tag und Nacht. Ich habe das Gefühl, dass sie nie freihat. Die letzten paar Tage habe ich mit ihr und ihrem Baby verbracht und es war sehr schön. Ich hatte sie seit circa zwei Monaten nicht gesehen, das Baby hatte inzwischen angefangen zu krabbeln, ist noch süßer geworden als zuvor, auch wenn es für dieses bestimmte Kind einfach unmöglich scheint noch süßer zu werden. In dieser Zeit mit ihrem Kind habe ich etwas über mich selber feststellen müssen. Ich habe kein Kind, ich war noch nie schwanger, ich weiß nicht, ob ich ein Kind verkraften kann, ob ich so stark bin, oder eher untergehen würde. Ich kümmere mich aber gern um die Kinder Anderer, wenn ich die Eltern mag. Und ich mache nicht unbedingt einen schlechten Job. Das ist aber nicht meine Erkenntnis, …

Jan Fleischhauer – er trollt doch… oder?

Nach „Nazis rein“ und mit Nazis feiern schreibt Jan Fleischhauer eine Kolumne in der aktuellen Spiegel-Ausgabe mit der Überschrift „Toxische Weiblichkeit“. Die Überschrift verspricht zu viel, denn die Kolumne hat keinen Inhalt. Fleischhauer beschwert sich in seiner neuen Kolumne „Toxische Weiblichkeit“ darüber, dass künftig alle Pkw bei 180 Stundenkilometern automatisch abgedrosselt würden. Einem Artikel (keine Quellenangabe) habe Fleischhauer entnommen, dass die Funktion helfen soll, der Aggressivität unter männlichen Autofahrern zu begegnen. Fleischhauer zeigt sich überrascht, dass „der Vorschlag gleich wieder in eine Verbindung zur Geschlechterfrage gebracht wird“ und fragt: „Was mit den Frauen, sind die nie aggressiv?“ Nach dieser Frage kommt nichts. Keine Zahlen zum aggressiven Verhalten von Frauen, keine Fälle von häuslicher Gewalt, deren Täter Frauen sind, nichts. Es ist schade, denn die Zahlen sind da, genauso wie die Fälle. Und wir reden zu wenig über die Gewalttätigkeit von Frauen, was die bestehende Geschlechterrollen untermauert. Fleischhauer hätte diese Debatte anstoßen können, er hätte jedenfalls die Plattform und die Reichweite dafür. Er muss sich aber die Recherche zu schade sein, denn stattdessen kotzt sich Fleischhauer …

Der gute Zweck

Eine App soll kontrollieren, was Obdachlose mit dem Geld machen, das man ihnen spendet. Gute Idee oder Machtfantasie von wohlmeinenden Wohlhabenden? Ein ehemaliger Oxford-Student entwickelte eine App, mit der Passanten persönliche Daten von Obdachlosen abrufen und denen bargeldlos spenden können. Die App soll nachvollziehbar machen, wofür die Spende genutzt wird, denn es laufen nur zweckgebundene Kampagnen. Viele zögern, an Obdachlose zu spenden: „Weil sie nicht wissen, was die mit dem Geld machen“, so Alex McCallion, der die Idee zur App „Greater Change“ hatte. 80 Prozent der Bettelnden sammeln dem 23-Jährigen zufolge, um davon Alkohol oder Drogen zu finanzieren. Demnach soll der um eine Gabe Bittende einen Barcode um seinen Hals tragen. Passant*innen scannen diesen mit dem Smartphone ein, sehen, wofür die obdachlose Person die Spende braucht, und vielleicht überweisen sie dann etwas. Ein Mensch kann aus vielerlei Gründen auf der Straße landen, oft ist aber Sucht ein Auslöser für Obdachlosigkeit. Und auch ohne Dach über den Kopf muss ein Süchtiger Geld für Alkohol oder Drogen ausgeben. Diese sind für die Betroffenen Grundbedürfnisse wie Wasser und Nahrung, …

Zum Tag der Muttersprache

Ich habe meine Muttersprache nie gelernt. Meine Mutter, eine Alleinerziehende in den 90ern der Türkei, weit weg von ihrer Familie, die sie mit 15 Jahren in die Türkei verheiratete, hatte Angst. Sie hatte Angst, mir Kurdisch beizubringen, denn damals schon war das ein Grund, Menschen zu töten. Weil sie Kurdisch sprachen oder kurdische Musik hörten. Ich bin in der Türkei geboren und aufgewachsen. Also die Antwort zu der Frage „Wo kommst du her?“ lautet für mich: Aus der Türkei. Deshalb werde ich in der Regel gleich für eine Türkin gehalten, obwohl die türkische Gesellschaft eine Multiethnische ist, und muss korrigieren: „Ich bin Kurdin.“ Dabei kann ich noch nicht einmal Kurdisch. Was macht mich überhaupt zu einer Kurdin? Das kann ich euch nicht sagen. Eins kann ich euch aber mit Sicherheit sagen, und zwar was das mit mir macht, meine Muttersprache nicht sprechen zu können. Was ich fühle. Scham. Ich schäme mich. Nicht gegen die repressiven Türkisierungspolitik rebelliert zu haben. Mich nicht an einen so wichtigen Teil meiner Identität festgehalten zu haben. Und Schuld. Ich fühle …

Gegen Nazis zu sein, reicht nicht aus

Marginalisierten Menschen wird es kaum ermöglicht, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen, auch wenn es um ihre eigenen Anliegen geht. Die Mehrheitsgesellschaft debattiert lieber über Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, als mit ihnen. Die fehlende Repräsentation führt dazu, dass die Stimmen, die kaum gehört werden, immer leiser und dadurch weniger glaubwürdig werden. Wer nicht zu Wort kommt, wird auch nicht gehört, klare Sache. Jedoch können ohne Glaubwürdigkeit Gewalterfahrungen und Ausschlüsse relativiert und gar verleugnet werden. Ohne Repräsentation also keine Glaubwürdigkeit und ohne Glaubwürdigkeit kein Überleben. Wenn es darum geht, was uns konsequent und nachvollziehbar erscheint, ist der Wiedererkennungswert entscheidend. Aus den Augen aus dem Sinn. Viele, die im „echten Leben“ von Diskussionen ausgeschlossen werden, sind auf die Sozialen Netzwerke angewiesen, um sich dort hör- und sichtbar zu machen. Menschen, die von der Politik betroffen sind, sie aber in der Regel nicht gestalten dürfen. Der freie Zugang zu Social Media und die Reichweite wirken den Ausschlüssen im „echten Leben“ ein wenig entgegen. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, können sich durch den Austausch dort gegenseitig stärken. Oder einfach …

Es ist Luxus, sagen zu können: „Ich bin keine Feministin“

Laut Bericht der Journalistengewerkschaft der Türkei werden sechs von zehn Journalistinnen während ihrer Berufsausübung diskriminiert. Obwohl feministischer Journalismus immer stärker wird, verdienen 55 Prozent der Journalistinnen weniger als ihre männlichen Kollegen. Çiçek Tahaoğlu, eine der bekanntesten feministischen Journalistinnen des Landes, sammelte 2011-2018 Daten zu Männergewalt in einem Dossier. Sibel Schick sprach mit ihr. Sibel Schick: Frau Çiçek Tahaoğlu, woran macht man feministischen Journalismus fest? Çiçek Tahaoğlu: Meine Journalismuskarriere begann in bianet, einem Haus, in dem man den Friedens- und Bürgerjournalismus fördert und mit einem menschenrechtsbasierten Ansatz, nicht-profitorientiert arbeitet. Journalismus, der sich auf Geschlechtergerechtigkeit konzentriert, ist ein Teil dieses menschenrechtlichen Ansatzes. Als Feministin habe ich mich erst bezeichnet, nachdem ich das Gewaltdossier des bianet übernommen habe. Während ich dort anfing, die Männergewalt zu dokumentieren, habe ich gemerkt, wie das Thema uns alle etwas angeht, und dass es Luxus ist, sagen zu können: «Ich bin keine Feministin». Wenn man «feministische Journalistin» hört, denkt man gleich an eine feministische Aktivistin … In der Türkei werden Medien immer weiter zum Monopol, Menschen vertrauen nur noch dem Netz und etablierte Journalist*innen bekommen ihre …