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Hört auf, Kindern „Du wirst eine gute Mutter werden“ zu sagen

Ich habe eine Freundin, sie ist eine sogenannte Superfrau: Sie hat ein Baby und ist berufstätig. Sie hat zeitgleich ein Kind bekommen und einen Laden eröffnet, sie arbeitet seitdem sie das Kind hat. Alles, was erledigt werden muss, erledigt sie. Sie arbeitet Tag und Nacht. Ich habe das Gefühl, dass sie nie freihat.

Die letzten paar Tage habe ich mit ihr und ihrem Baby verbracht und es war sehr schön. Ich hatte sie seit circa zwei Monaten nicht gesehen, das Baby hatte inzwischen angefangen zu krabbeln, ist noch süßer geworden als zuvor, auch wenn es für dieses bestimmte Kind einfach unmöglich scheint noch süßer zu werden. In dieser Zeit mit ihrem Kind habe ich etwas über mich selber feststellen müssen.

Ich habe kein Kind, ich war noch nie schwanger, ich weiß nicht, ob ich ein Kind verkraften kann, ob ich so stark bin, oder eher untergehen würde. Ich kümmere mich aber gern um die Kinder Anderer, wenn ich die Eltern mag. Und ich mache nicht unbedingt einen schlechten Job. Das ist aber nicht meine Erkenntnis, das wusste ich schon.

Meine Erkenntnis ist die Folgende: Ich habe feststellen müssen, dass mich das auf einer Ebene, die mir bisher völlig fremd war, erfüllt, wenn mich meine Freundin in meinem Umgang mit ihrem Kind und meine Geschicktheit lobt. Ich lächele selbstbewusst und mache einfach weiter. Aber innen drin explodiere ich vor lauter Freude. Ich versuche alles, was ich mache, so gut, so schnell, so geschickt zu erledigen wie ich kann, damit ich mir noch einen Lob kassieren kann.

Feminismus heißt vor allem, sich von sich selbst zu befreien. Von dem Gelernten, von dem Unreflektierten, von dem Verinnerlichten, von dem Gewohnten. Und deshalb ist es verdammt viel Arbeit, sich Feministin zu nennen, Feministin zu sein. Wir kommen auf die Welt und aufgrund unserer Genitalien werden wir als Mädchen eingeordnet. Damit beginnt schon unser Training als die Mütter der Zukunft. Wir bekommen Puppen, die wir füttern, wickeln und anziehen. Als Kind tun wir so, als wären wir die Mütter dieser Puppen. Nachts werden uns Märchen vorgelesen, in denen es unter anderem um das Leid der Prinzessinnen geht, weil ihre selbstlosen Mütter starben und sie mit ihren bösen Stiefmüttern klarkommen mussten. Heiraten, Kinder bekommen, selbstlos sein sind gut. Sich trennen und zum zweiten Mal heiraten sind schlecht.

Irgendwann sind Kinder zwar zu alt, um mit Puppen zu spielen, aber die Botschaft, dass Mutterschaft sie erwartet, wird ihnen weiterhin vermittelt. So müssen sich viele Mädchen den Lob anhören, dass sie später eine gute Mutter werden würden. Das ist krass, weil das den Eindruck erweckt, dass es in der Zukunft nicht drum herumkommen würde, eine Mutter zu werden.

„Du wirst eine gute Mutter werden“ wird auch im Erwachsenenalter als Kompliment verwendet und wahrgenommen, und das wird so selbstverständlich in den Raum geworfen, als hätte man schon angekündigt, den Wunsch und den Plan zu haben, Mutter zu werden. Das liegt daran, dass Mutterwerden als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird; dass eine Person, die gebären kann, auch gebären würde. Wenn etwas so oft und selbstverständlich ausgesprochen wird, normalisiert das auch den Gedanken. Ob das wirklich so eine gute Idee ist, allen, die wir als Frau einordnen, gleich zuschreiben, Mutter sein zu wollen? Auch für trans Identitäten ist das ein Problem.

Während wir älter werden, erwartet die Welt von uns gewisse Qualitäten, gewisse Eigenschaften, als Versprechen, später gute Mütter zu werden, und belohnt diese Eigenschaften. Zum Beispiel kommen Fleiß und Geduld immer gut an. Die wichtigste der Eigenschaften, die erwartet werden, ist Selbstlosigkeit. Beweist du Selbstlosigkeit, kommst du auf jeden Fall freien Eintritt in den Club namens „gute Mutter der Zukunft“. Verrätst du ein wenig Interesse an ein eigenes Leben, den Wunsch nach Aufstieg oder einfach nach ein bisschen Zeit für dich allein, werden dir die Gute-Mutter-Punkte abgezogen. Es ist ein Wettbewerb mit sich selber und eine ständige Beweispflicht.

Ich hole das Baby meiner Freundin aus der Badewanne, wickele es mit einem Handtuch, meine Freundin sagt „Du kannst das besser als ihr Vater“. Ich fühle mich so als hätte sie mir ein leckeres Stück Torte in den Mund gestopft, fühle mich ernährt von ihrer Aussage, nehme das Baby mit ins Wohnzimmer, trockne es, ziehe es an. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was meine Freundin gesagt hat. Diese Freude ist eine neue, eine andere, eine unangenehme. Und plötzlich wird mir klar, dass da was ganz Beschissenes in mir passiert. Was ist das überhaupt, warum tut mir das so gut?

Ich setze mich hin und suche die Stelle in mir, die sich so darüber freut. Das ist dieselbe, die mich in Beziehungen mehr machen lässt als ich muss, mehr als mein Gegenüber jedenfalls, mich selbstlos um andere kümmern lässt als notwendig, bis ich überlastet bin und nur noch leide. Ich merke, dass die Wurzeln tief sind, dass das Ganze in der Kindheit beginnt, mit dem ersten „Du wirst eine gute Mutter werden“, das ich mir als Mädchen anhören musste. Ich finde die neu entdeckte Stelle, die solchen Lob braucht, ich erwische sie und halte sie fest, damit sie mir nicht wieder verschwindet und ich sie erst einmal vergesse.

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