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Der gute Zweck

Eine App soll kontrollieren, was Obdachlose mit dem Geld machen, das man ihnen spendet. Gute Idee oder Machtfantasie von wohlmeinenden Wohlhabenden?

Ein ehemaliger Oxford-Student entwickelte eine App, mit der Passanten persönliche Daten von Obdachlosen abrufen und denen bargeldlos spenden können. Die App soll nachvollziehbar machen, wofür die Spende genutzt wird, denn es laufen nur zweckgebundene Kampagnen.

Viele zögern, an Obdachlose zu spenden: „Weil sie nicht wissen, was die mit dem Geld machen“, so Alex McCallion, der die Idee zur App „Greater Change“ hatte. 80 Prozent der Bettelnden sammeln dem 23-Jährigen zufolge, um davon Alkohol oder Drogen zu finanzieren. Demnach soll der um eine Gabe Bittende einen Barcode um seinen Hals tragen. Passant*innen scannen diesen mit dem Smartphone ein, sehen, wofür die obdachlose Person die Spende braucht, und vielleicht überweisen sie dann etwas.

Ein Mensch kann aus vielerlei Gründen auf der Straße landen, oft ist aber Sucht ein Auslöser für Obdachlosigkeit. Und auch ohne Dach über den Kopf muss ein Süchtiger Geld für Alkohol oder Drogen ausgeben. Diese sind für die Betroffenen Grundbedürfnisse wie Wasser und Nahrung, denn ein kalter Entzug kann für sie tödlich sein. Das scheint jedoch den Entwickler nicht zu interessieren. Eigentlich ist Sucht eine chronische Krankheit, die moderne Medizin ist ratlos, was ihre nachhaltige Behandlung angeht, Rückfälle werden als Schicksal betrachtet. Doch von der Mehrheit der Bevölkerung wird sie als Hedonismus oder Schwäche interpretiert, die nicht noch gefördert werden sollte.

Auf der Straße Geld zu sammeln ist wie Crowdfunding, und bei seriösem Crowdfunding ist Transparenz entscheidend. So nehmen global agierende NGOs wie Greenpeace oder Amnesty International Spenden ein und informieren ihre Unterstützer*innen über die Ausgaben. Bei den großen Summen, die bei Crowdfundings teils zusammenkommen, ist der Wunsch nach Nachvollziehbarkeit auch verständlich. Aber warum gilt das plötzlich auch für das „bisschen Kleingeld“ zwischendurch?

Der Entwicklungsprozess von „Greater Change“ ist noch nicht abgeschlossen, zurzeit läuft die Probeversion. Bisher wurden insgesamt 16 Kampagnen zu Ende gebracht, hauptsächlich wurde dabei für die Kaution gesammelt, die die obdachlosen Kandidat*innen für eine Wohnung hinterlegen müssen. Lokale Hilfsorganisationen entscheiden, wer Hilfe braucht, vermitteln diese an „Greater Change“ und so beginnt die Kampagne.

Von Menschen ohne Wohnung zu fordern, ihre Daten mit jedem Wildfremden, der gerade vorbeiläuft, zu teilen, stärkt nur die Unterdrückungsmechanismen, unter denen Obdachlose ohnehin leiden. Die Idee, dass diese ihre Ausgaben begründen müssen, unterstützt die Ansicht, eine Spende etwa für Lebensmittel sei okay, für Alkohol oder Drogen aber nicht, und bestätigt die Stigmatisierung von Suchterkrankten. Von Schutzmechanismen, die Datenmissbrauch verhindern sollen, spricht der Macher von „Greater Change“ nicht. Die App hierarchisiert obdachlos lebende Menschen, unterteilt sie als die „Guten“, die für die Kaution sammeln, und die „Schlechten“, die süchtig sind, und bestimmt von oben herab, ob diese die 20 Cent, die man vielleicht entbehren kann, wirklich verdienen.

Klar, „Greater Change“ bezweckt zwar, dass Obdachlosen geholfen wird, indem auf einem zweckgebundenen Konto Geld landet. Gleichzeitig gibt sie gut situierten Menschen ein weiteres Machtinstrument in die Hand. Sie untermauert die Tatsache, dass obdachlos Lebende auf die „Gnade“ von Wohlhabenden angewiesen sind und nach den Wünschen und Vorstellungen dieser leben sollten.

 

Dieser Artikel erschien in der taz, 4.1.2019, S14.
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