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Gegen Nazis zu sein, reicht nicht aus

Marginalisierten Menschen wird es kaum ermöglicht, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen, auch wenn es um ihre eigenen Anliegen geht. Die Mehrheitsgesellschaft debattiert lieber über Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, als mit ihnen. Die fehlende Repräsentation führt dazu, dass die Stimmen, die kaum gehört werden, immer leiser und dadurch weniger glaubwürdig werden. Wer nicht zu Wort kommt, wird auch nicht gehört, klare Sache. Jedoch können ohne Glaubwürdigkeit Gewalterfahrungen und Ausschlüsse relativiert und gar verleugnet werden. Ohne Repräsentation also keine Glaubwürdigkeit und ohne Glaubwürdigkeit kein Überleben. Wenn es darum geht, was uns konsequent und nachvollziehbar erscheint, ist der Wiedererkennungswert entscheidend. Aus den Augen aus dem Sinn.

Viele, die im „echten Leben“ von Diskussionen ausgeschlossen werden, sind auf die Sozialen Netzwerke angewiesen, um sich dort hör- und sichtbar zu machen. Menschen, die von der Politik betroffen sind, sie aber in der Regel nicht gestalten dürfen. Der freie Zugang zu Social Media und die Reichweite wirken den Ausschlüssen im „echten Leben“ ein wenig entgegen. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, können sich durch den Austausch dort gegenseitig stärken. Oder einfach sich selbst, indem sie sich den Raum nehmen, der ihnen zusteht, aber verweigert wird.

Allerdings werden marginalisierte Menschen auch auf den Social-Media-Plattformen mit Schwierigkeiten konfrontiert. Die Anonymität ermöglicht vielen, auf Plattformen wie Twitter ihre Meinungen frei äußern zu können, ohne dass ihre Existenz bedroht wird. Dieselbe Anonymität begünstigt aber auch rassistische, antisemitische, islamfeindliche, sexistische und transfeindliche Angriffe. Beispielsweise auf Twitter, wo Mobbing Alltag ist, Gewalt und Gewaltandrohungen ebenso.

Die Social-Media-Plattformen sind wie ein Spiegelbild der Gesellschaft: Wenn menschenfeindliche Aussagen im Alltag normaler werden, werden diese auch auf Facebook und Twitter leichter und selbstverständlicher ausgesprochen. Online sind Rechte und rechte Trolle gut organisiert, sie haben Foren oder Telegram-Chatgruppen, in denen sie kommunizieren. Rechtsextreme Gruppen geben Handbücher heraus und trainieren ihren Nachwuchs in effektiver Nutzung der Sozialen Netzwerke. In dieser Hinsicht sind sie den Linken weit voraus.

Da würde man erwarten, dass deutsche Linke viel zu tun habe, die Hände und den Kopf voll: über die Vergangenheit und die Gegenwart nachdenken, das eigene Verhalten und das der eigenen Familie und des sozialen Umfelds reflektieren, Strategien entwickeln, mit denen die Minderheiten vor Diskriminierung, Rechtsverletzungen und Ausschlüssen geschützt werden können …

Genau das wäre der Fall in einer idealen Welt, in der wir nicht leben.

Auch wenn sich die linken Kreise Deutschlands, insbesondere jene, die sich als Antideutsche oder Kommunist*innen etikettieren, gegen faschistische Ideologien einzusetzen scheinen, werden auch innerhalb dieser Kreise neue Ausschlüsse geschaffen und Sexismen, Rassismen und andere menschenfeindliche Ideologien reproduziert.

Marginalisierte Menschen haben nicht unbedingt einen leichten Zugang zu linken Räumen, und wenn sie ihn haben, dann sind sie auch dort unterrepräsentiert. Zudem müssen sie sich auch innerhalb dieser Räume durchsetzen, um Gehör zu finden oder nicht von oben herab belehrt oder bevormundet zu werden. Seitdem es auch bezahlbare Smartphones gibt und die Minderheiten einen leichteren Zugang zum Netz haben, lässt sich dasselbe Problem auch in den Sozialen Netzwerken beobachten.

Online kann sich zwar jede*r einen Account zulegen und anfangen zu veröffentlichen, wer aber die verdiente Reichweite bekommt und wem für Bullshit applaudiert wird, wer für die verübte Gesellschaftskritik wertgeschätzt und wer verbal gesteinigt wird, hängt von dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, der Herkunft und der Lebensrealität der betroffenen Nutzer*innen ab. Die Mehrheitsgesellschaft möchte am liebsten nur von ihresgleichen kritisiert werden. Jene, die über ihre Diskriminierungserfahrungen schreiben, bekommen im besten Fall keine Resonanz. Im schlimmsten Fall werden sie durch Mobbing traumatisiert, zum Selbstmord aufgefordert oder ihre Daten werden öffentlich gemacht wie die Wohnadresse, Telefonnummer, Klarnamen oder Fotos. Bis Politiker*innen und Journalist*innen von Datenmissbrauch betroffen waren, wurde dieses Problem, von welchem marginalisierte Menschen schon länger betroffen sind, nicht groß thematisiert. Inzwischen ist das Thema schon wieder der Schnee von gestern.

Ja, oft werden die schwersten Onlineangriffe von Rechten verübt, aber nicht immer. Antideutsche und kommunistische Kreise in den Sozialen Netzwerken beschäftigen sich inzwischen fast genauso oft mit dem Verhalten von marginalisierten Menschen wie mit Rechten und Nazis, worin sich die verinnerlichten menschenfeindlichen Gedanken verraten. Und die Methoden der Rechten, wie persönliche Daten von marginalisierten Menschen öffentlich zu machen, werden inzwischen auch von Menschen angewandt, die sich in den Sozialen Netzwerken als Linke darstellen. Wer den „Fehler“ macht, sich so auszudrücken, dass es Linken in den Sozialen Netzwerken nicht gefällt, kann damit rechnen, dass persönliche Informationen veröffentlicht werden wie z. B. die Wohnanschrift oder der Arbeitsort. Ob diese Informationen dann auch bei Nazis ankommen könnten, die die Betroffenen ohnehin auf dem Radar haben, und was diese dann mit diesen Informationen machen, kann nach der Veröffentlichung nicht mehr gesteuert werden.

Wenn Marginalisierte, vor allem Mehrfachmarginalisierte so oft zur Zielscheibe der sogenannten linken Gesellschaftskritik werden wie heute auf Social Media, kann das nicht ohne Weiteres hingenommen werden. Es sagt nämlich viel über Menschen aus, an wen sich ihre Angriffe richten. Sind die Betroffenen in der Regel trans oder cis Frauen, Menschen, die von Rassismus betroffen sind, oder Menschen mit Behinderung, können die Alarmglocken läuten.

Marginalisierte Menschen haben alles Recht der Welt, wütend zu sein und sich von jenen verraten zu fühlen, die eigentlich an ihrer Seite stehen sollten. Und sie haben auch alles Recht der Welt, von Linken enttäuscht zu sein. Diese Enttäuschung müssen sie auch aussprechen dürfen – das ist nämlich legitime Gesellschaftskritik. Wie, mit welchem Ton und welcher Wortwahl sie es machen, ist allein ihnen überlassen. Mit einer selbstgegebenen Immunität schließen Linke oft jegliche Reflektion kategorisch aus – wieso? Nur weil sie gegen Nazis sind? Also für das Selbstverständliche?

Das reicht nicht aus.

Die deutsche Linke muss mehr reflektieren, viel mehr. Und dann muss sie noch einmal reflektieren und dann noch mal. Bis sie merkt, dass es internalisierte/r Sexismus/Rassismus/Trans- oder Behindertenfeindlicheit ist, was sie dazu bewegt, als privilegierte Personen diese Identitäten regelmäßig öffentlich anzugehen. Bis sie verstehen, dass auch sie diese Personen unter Druck setzen, sich aus den Sozialen Netzwerken zurückzuziehen, zu schweigen, nicht mitzudiskutieren und mitzustreiten. Dass auch sie so zu Täter*innen werden. Dass auch sie zu ihrer Diskriminierung beitragen.

Die deutsche Linke muss besser werden. Nur gegen Nazis zu sein, reicht nicht aus.

12.02.2019, Missy Magazine
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