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Fall Khashoggi: Die rote Pille

Die genauen Details des Mords an dem regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi sind bisher unklar. Die CIA ist jedoch überzeugt, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Mord im saudischen Konsulat in Istanbul angeordnet habe. Die Regierung in Riad weist die Vorwürfe zurück und fordert die Todesstrafe für die fünf mutmaßlichen Täter. Das macht Sinn, denn Gewalt mit Gewalt zu lösen hat ja bisher ganz gut funktioniert.

Nach der Einreisesperre gegen 18 saudische Staatsangehörige hat vergangenen Montag die Bundeskanzlerin Merkel angekündigt, dass die Bundesregierung keine weiteren Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien genehmigen würde. Der Lieferstopp ist aber nur für zwei Monate gültig und unverbindlich. Das Ganze hätte man sich also sparen können.

Der türkische Präsident Erdoğan ist empört. Der Fall sei eine Verletzung der türkischen Souveränität und er würde alles in seiner Macht tun, dass der Fall geklärt wird. Donald Trump ist jedoch alles egal. Am 1. November sagte er, er fühle sich von Saudi-Arabien nicht hintergangen. „Sie haben mich nicht betrogen. Vielleicht haben sie sich selbst betrogen“, so Trump, als handle es sich um einen Jugendroman. Letzten Donnerstag sagte er: „Vielleicht sollte die Welt zur Rechenschaft gezogen werden, weil die Welt ein bösartiger Ort ist.“ Das bedeutet so viel wie „Shit happens“.

Dass die saudische Regierung alle kritischen Stimmen einsperrt und so zum Schweigen bringt, ist bekannt. Noch im August forderte Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland mit einem Tweet die Freilassung der Frauenrechtlerin Samar Badawi, eine der wichtigsten Stimmen vor Ort für Frauenrechte, die aufgrund ihrer Proteste gegen das Frauenfahrverbot verhaftet wurde. Ihr Bruder Raif Badawi, ein regierungskritischer Blogger, ist seit mehr als vier Jahren in Haft. Er wurde zu 1000 Peitschenhieben verurteilt, es heißt, er habe den Islam beleidigt. Die Geschwister beschäftigten zwar die Öffentlichkeit, aber nach der Krise, die der Tweet von Freeland auslöste, stand kaum jemand Kanada zur Seite oder forderte einen Lieferstopp von Rüstungsgütern an Saudi-Arabien.

Kurz nach dem Tod von Khashoggi veröffentlichte die Hilfsorganisation Save The Children, dass in Jemen zwischen 2015 und 2018 etwa 85.000 Kleinkinder unter fünf Jahren an Hunger und Krankheiten gestorben seien. Es ist schon bekannt, dass dort seit 2014 ein Krieg zwischen Huthi-Rebellen und von Saudi-Arabien unterstützten Truppen herrscht. Es ist die Rede von 18.000 Luftangriffen innerhalb der letzten drei Jahre durch die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition. 85.000 tote Kinder werden als Kollateralschaden betrachtet, weil Krieg als ein legitimes politisches Mittel gilt. Die Empathie und die Solidarität von Europäer*innen genießen oft die, die es am wenigsten nötig haben.

Während der grausame Tod von Khashoggi wie eine rote Pille wirkt und die Aufmerksamkeit auf die brutale Wahrheit in Jemen lenkt, dürfen wir nicht vergessen: Bis dahin war es egal. Bis ein Journalist, eine Elite, kaltblütig getötet wurde, waren die Toten in Jemen und die Frauen- und Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien egal. Das sind sie heute noch.

Es ist unangenehm für Westeuropäer*innen, für sie ist es ein moralisches Dilemma. Sie fühlen sich gezwungen, Haltung zu zeigen. Es ist aber gar nicht so leicht, weil sie erklären müssten, warum sie die saudische Regierung trotz allem als Geschäftspartner beibehalten. Das macht die Zukunft unberechenbar.

Eine mögliche Lösung wäre: die blaue Pille. Gleich runterspülen und den Krieg in Jemen und den Mord in Istanbul vergessen. Das wäre plausibel, denn was soll schon groß passieren, selbst wenn der saudische Kronprinz eingesteht, verantwortlich für Khashoggis Tod zu sein?

Eben. Nichts.

27.11.2018, Missy Magazine
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