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Morde an trans Frauen sind politisch

Esra Ateş und Begüm: Zwei trans Frauen, die im Sommer 2018 von nur innerhalb einer Woche getötet wurden. Dank der Arbeit von zahlreichen LGBTQIA-Organisationen war der öffentliche Aufschrei groß. Ohne ihre Arbeit und die der feministischen Journalist*innen hätten diese Delikte möglicherweise keine öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenken können. Denn der türkische Staat und seine Institutionen erheben keine Daten zur Gewalt gegen trans Frauen.

Bei Gewalttaten an trans Frauen registriert die türkische Polizei weder die trans Identität noch die Natur der Taten, wie zum Beispiel Gewalt an trans Sexarbeiterinnen, als identitätsspezifisch, was es erschwert, an zuverlässige Daten heranzukommen. Die Delikte an cis Frauen werden genauer dokumentiert, allerdings nicht vom Staat, sondern von feministischen Organisationen und Journalist*innen. Ein Online-Zähler dokumentiert Morde an cis Frauen und auf einem Dossier des regierungskritischen, unabhängigen Nachrichtenportals bianet dokumentiert die Journalistin Çiçek Tahaoğlu Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Eine  ausführliche Dokumentation der Gewalttaten an trans Frauen fehlt jedoch.

Allerdings erhebt eine Organisation aus Deutschland Zahlen zu Morden an trans Personen in der Türkei: Laut einem Report von Transgender Europe, eine Organisation mit Sitz in Berlin, lag die Zahl zwischen 2008 und 2016 bei 43 – die höchste Zahl in Europa. Ihre Angaben stammen aus einer Recherche in Kooperation mit 13 Partnerorganisationen weltweit.

Es gibt politische und gesellschaftliche Zustände, die die Angriffe auf trans Frauen begünstigen. So werden diese nicht nur aufgrund ihrer Identität als Frau angegriffen, sondern auch deshalb, weil ihre Identität nicht anerkannt wird. Die LGBTQIA-Rechte werden als Nischenthema betrachtet. So sagte 2007 ein AKP-Abgeordneter, dass in der Verfassung ein Benachteiligungsverbot wegen sexueller und geschlechtlicher Identität zu verankern «nicht das Thema des 21., aber eventuell des 22. Jahrhunderts» sein könne. Auch vor Gericht wird allein ihre Existenz als Grund zur Provokation anerkannt.

Als 2013 Seda Ü., eine trans Frau, in Istanbul von einem Mann getötet wurde, erhielt der Täter eine Strafmilderung, nachdem er den Mord gestand und sagte «Ich dachte es sei eine Frau, und habe die Kontrolle verloren, als ich merkte, dass es ein Mann war.» Im Gespräch mit der  konservativen Tageszeitung «Milliyet» erzählt Sedas Anwalt, dass Aussagen dieser Art nicht das erste Mal zur Strafmilderung führten: «Unter diesen Bedingungen wäre selbst Straflosigkeit vorstellbar, würden die Täter nicht gestehen.» Gesetze, die trans Personen vor der Gewalt schützen, der sie aufgrund ihrer Geschlechtsidentität ausgesetzt werden, sind nicht vorhanden.

Diskriminiert werden trans Frauen auch von der Polizei, wenn sie bei dieser Hilfe suchen. Als 2015 eine trans Sexarbeiterin in Istanbul von einem Mann erstochen wurde, berichteten ihre Freundinnen, die ebenso trans Frauen sind, einer Nachrichtenplattform, dass ein Polizist in der Polizeistation zu einem anderen gesagt habe «Hier sitzen viel zu viele Schwuchtel rum», als diese warteten, um ihre Zeuginnenaussage zu liefern. Sie wurden also nicht als Frau, sondern als homosexuelle Männer wahrgenommen und beschimpft.

Auch 2015 berichtete die LGBTTQIA-Aktivist*in Kemal Ördek von mehrfachen verbalen Belästigungen von Polizisten in einer Polizeistation in Ankara, nachdem die Sexworkaktivist*in von zwei Männern vergewaltigt und beraubt wurde. So hätte ein Polizist einem anderen gesagt «Wann sterben die Nachkommen von Lot endlich aus?», eine religiös begründete Anspielung auf LGBTQIA. Zudem soll ein anderer Polizist Ördek gefragt haben: «Würdest du deine Anzeige zurücknehmen, wenn wir dir deine Sachen zurückgeben?» Es ist also davon auszugehen, dass Diskriminierung durch die Polizei Viele entmutigt, überhaupt Anzeige zu erstatten.

Auch die Berichterstattung der Tageszeitungen ist oft transfeindlich und transmisogyn (Frauenfeindlichkeit gegenüber trans Frauen), unabhängig davon, wie liberal oder links die betroffenen Medien sind. Nachrichten über Angriffe auf trans Frauen, in denen die Begründung der Gewalt mitgeliefert wird und sie misgendert (mit dem falschen Geschlecht angesprochen und adressiert) oder mit ihren Ausweisnamen erwähnt werden, sind Gang und Gebe. Dies sind Hinweise, dass die Erfahrungen von trans Menschen nicht als legitim gelten und dass die Medien an dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht festhalten. LGBTQIA-Organisationen warnen Medien davor, dass diese Art von Berichterstattung die Vorstellung in der Gesellschaft präge, dass trans Frauen eigentlich Männer seien, und die Gewalt legitimiere, der sie ausgesetzt sind.

Ein weiterer Zustand, der die Angriffe auf trans Frauen begünstigt, ist ihre wirtschaftliche Lage. Für viele geoutete trans Menschen ist es schwierig, außerhalb der Sexarbeit eine Tätigkeit zu finden. Aufgrund dieser Tätigkeit werden sie in der Gesellschaft marginalisiert und Gewalterfahrungen werden als Teil ihres Schicksals betrachtet. Seit über zehn Jahren werden Bordelle, in denen Sexarbeiterinnen sicherer arbeiten können, teils ohne Begründung geschlossen. Aufgrund der Schließungen werden viele trans Sexarbeiterinnen gezwungen, auf der Straße oder in ihren Wohnungen zu arbeiten, wo sie möglicherweise allein sind, und bei eventuellen Angriffen nicht geschützt werden können.

Trans Frauen anzugreifen, sie der Gewalt auszusetzen und gar zu töten wird institutionell und gesellschaftlich durch ihre ökonomische Lage begünstigt sowie durch die Haltung der Polizei, den nicht vorhandenen gesetzlichen Schutz, die fehlende Solidarität der Mehrheitsgesellschaft und die Berichterstattung der Medien. Solange der Staat mit seinen Institutionen die Gewalttaten an trans Personen unsichtbar und leicht macht, trägt er die Schuld mit.

November 2018 für die Rosa Luxemburg Stiftung

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