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Drei Plakate, drei Forderungen

Drei feministische Forderungen anhand von drei Plakaten der Istanbuler «Nachtdemonstration» am 8. März.

Aufgrund der turbulenten Zeiten ist die Türkei derzeit ein heißes Thema in den deutschen Medien. Während Repression und Gewalt zunehmen, richtet sich das Augenmerk vermehrt auf die sozialen Bewegungen, insbesondere auf die feministische Bewegung. Die eindrucksvollen Bilder der «feministischen Nachtdemonstration» vom 8. März 2018 in Istanbul haben viele gesehen. Der inzwischen zur Tradition gewordene Marsch fand dieses Jahr zum 16. Mal statt. Frauen und LGBTQIA aus allen Fraktionen kamen zusammen, verzichteten auf die Embleme ihrer jeweiligen Organisationen und bastelten stattdessen gemeinsam neue Demonstrationsplakate. Drei dieser Plakate haben wir ausgewählt, um die dahinter stehenden Forderungen zu erläutern.

«Vibratoren statt Diktatoren»

Obwohl die sexuelle Freiheit der Frau eines der wichtigsten Themen der feministischen Bewegung der Türkei ist, stößt dieses Thema auch innerhalb der Bewegung auf Grenzen. Grund dafür ist, dass Sexualität bzw. der Umgang mit Sexualität nach wie vor sehr tabuisiert wird. Plakate, Poster, Kampagnen und Slogans zu diesem Thema sind deshalb noch Seltenheiten, sie lösen heftige Diskussionen aus und provozieren insbesondere heterosexuelle cis-Männer.

Frauen werden nicht als sexuelle Wesen betrachtet, sondern lediglich als eine Institution innerhalb der Familie, als Mutter, Ehefrau oder Schwester. Frauen, die diesen Vorstellungen und Rollen, die ihnen zugeschrieben werden, nicht erfüllen, können eingesperrt, psychologischer oder physischer Gewalt ausgesetzt und gar getötet werden. So beging die 18-jährige Selvi Y. in Adana 2014 Selbstmord, nachdem ihr Vater sie im Hause einsperrte, als er erfahren hatte, dass sie einen Freund hatte. Sie durfte nicht mehr zur Schule gehen und wurde in der Wohnung ihrer Eltern mit einer Kette gefesselt. Selvi Y. schaffte es, an die Pistole ihres Vaters zu gelangen und erschoss sich selbst.

«Die Ehre» ist eine der am weitesten verbreiteten Gründe für Frauenmorde in der Türkei. Die sogenannten Ehrenmorde können als die härteste Strafe für Frauen verstanden werden, die Sex vor der Ehe haben oder in der Beziehung betrügen. 80 Prozent der Frauenmorde werden von Männern aus der eigenen Familie begangen – von 1520 Frauenmorden im Zeitraum zwischen 2010 und 2017 wurden 1915 von männlichen Angehörigen der Frauen begangen. Die sogenannten Ehrenmorde sind eine Praxis des Verbots und der Unterdrückung der Sexualität der Frauen, durchgeführt von cis-Männern.

«Hat die Frau keine Kohle, wird die Fotze zur Spardose»

Auch in der Türkei werden Sexarbeiter*innen marginalisiert, ihrer Rechte beraubt, mundtot und verantwortlich für die Gewalt gemacht, der sie ausgesetzt sind. Mit diesem Plakat wird betont, dass die einvernehmliche Sexarbeit auch eine Selbstermächtigung für eine Frau bedeuten kann. Außerdem wird provokativ abgelehnt, sich als Frau danach zu sehnen, dem männlichen Bild der «idealen Frau» zu entsprechen und von cis-Männern akzeptiert zu werden.

Sexarbeit in der Türkei ist nur in registrierten Bordellen legal. Obwohl es keine konkreten Gesetze gibt, die die Sexarbeit verbieten, wird sie, wenn sie in Privatwohnungen oder auf der Straße durchgeführt wird, mit Bußgeldern bestraft. Die Regierung schließt ein Bordell nach dem anderen und zwingt damit die Sexarbeiter*innen auf die Straße, wo sie unter unsicheren Bedingungen und ohne jegliche Absicherung arbeiten.

Wie in Deutschland ist auch in der Türkei das größte Problem der Debatte über Sexarbeit, dass die Sexarbeiter*innen nicht als Subjekte der Diskussion wahrgenommen werden und der Unterschied zwischen einvernehmlicher Sexarbeit und Menschenhandel nicht berücksichtigt wird. Das erschwert den Kampf der Sexarbeiter*innen für ihre Rechte, sie werden unsichtbar gemacht, auf ihre Forderungen wird nicht gehört. Eine weitere Grundlage der Rechtsverletzungen, denen Sexarbeiter*innen in der Türkei ausgesetzt sind, ist das moralistische Stigma. Sexarbeiter*innen, die aufgrund ihres Berufs häufig die/den Sexpartner*in wechseln, finden keinen Platz in der Gesellschaft, werden selbst für die Gewalterfahrungen verantwortlich gemacht und zur Zielscheibe für Angriffe.

Frauen, die solche Erfahrungen nicht machen möchten, lassen die Sexarbeiter*innen alleine in ihrem Kampf um ihre Rechte, anstatt sich mit ihnen zu solidarisieren. Viele Frauen, die sich von Sexarbeiter*innen distanzieren, hoffen, sich dadurch Respekt zu verschaffen.

Wenn wir die Gesamtsituation der Frauen in der Türkei betrachten, ist es verständlich, dass einzelne Frauen stolz auf die erkämpfte Anerkennung und ihre höhere Position in der Gesellschaft sind. Das Problem dabei ist allerdings, dass ihre «Wertigkeit» durch das männlich dominierte System bestimmt wird. Sobald sich Frauen außerhalb dieses Systems stellen, verlieren sie diese Anerkennung. Außerdem: allein die Tatsache, keine Sexarbeiterin zu sein, hat noch keine Frau vor Gewalt geschützt.

«Leben statt Krieg»

Im Gegensatz zu anderen politischen Bewegungen ist die feministische Bewegung in der Türkei parteiübergreifend. Auch wenn es Ausnahmen gibt, kann gesagt werden, dass die feministische Bewegung eine antirassistische und antimilitaristische Haltung vertritt. Als Bürger*innen eines Landes, dessen Geschichte häufig zur Bühne für Kriege, Massenmorde und Massaker wurde, wissen Frauen und LGBTQIA, dass sie in einem Krieg mehr zu verlieren haben als cis-Männer, die als Subjekte der Kriege agieren.

Der Zugang zu Verhütungsmitteln in der Türkei wird von der Politik beinahe unmöglich gemacht. Von Frauen wird erwartet, dass sie Kinder in die Welt setzen und damit ihrer «Verantwortung» gegenüber dem Staat nachkommen, die Reproduktion zu sichern und billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Diese Kinder werden später durch die Wehrpflicht in den Krieg gezwungen oder durch Polizeigewalt ermordet. Fast zehn Prozent der Frauen können nicht lesen und schreiben und zwei Drittel der jungen Arbeitslosen in der Türkei sind Frauen. Wenn die Männer, von denen sie finanziell abhängig sind, im Krieg getötet, schwer verletzt, traumatisiert und arbeitsunfähig werden, bleiben die Frauen auf sich alleine gestellt und schutzlos zurück.

Die Frauenorganisation «Wir werden Frauenmorde stoppen» (Kadın Cinayetlerini Durduracağız Platformu) zählt und dokumentiert Frauenmorde. Ihren Angaben zufolge ist die Zahl der Frauenmorde kontinuierlich angestiegen, nachdem 2015 die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und den Kurd*innen scheiterten und in Nordkurdistan wieder Krieg herrscht. Aufgrund der Kriegssituation wird häusliche und geschlechterspezifische Gewalt sowie die Misshandlung von Kindern als zweitrangig betrachtet, normalisiert und dadurch verbreitet. Dies gilt auch für Städte, in denen keine  bewaffneten Auseinandersetzungen stattfinden.

So ermordete 2016 in der Stadt Adana ein cis-Mann namens Fatih K. eine Frau, die in sein Geschäft kam und um Essen bat. Nach seiner Festnahme begründete er den Mord politisch: «Sie sagte‚ ‹die PKK wird es euch zeigen. Wir werden Kurdistan gründen›. Das hat mich wütend gemacht.» Die Rhetorik des heiligen Nationalismus wird mit dem Krieg immer lebendiger. Mit dieser Aussage zielte der Täter höchstwahrscheinlich auf eine Strafmilderung ab, indem er seinen Glauben an die Souveränität der politischen Grenzen der Türkischen Republik betonte. In einer späteren Aussage gab er jedoch zu, dass die Frau nie etwas zu PKK oder Kurdistan gesagt habe, und änderte seine Aussage. Der Krieg gefährdet und tötet Frauen also nicht nur an den Orten, an denen Kriegshandlungen stattfinden, sondern im ganzen Land.

Sibel Schick, Tebessüm Yılmaz, April 2018 für die Rosa Luxemburg Stiftung

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