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Idiot, slow down

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Sibel Schick, 2011

„OK Computer“ ist inzwischen 21 Jahre alt. Während vieler meinen besten und schlechtesten Jahre durfte ich die Begleitung des Meisterwerks von Radiohead genießen. Das Einzigartigste an der Musik ist, dass sie neben einer Zeitmaschine auch etwas Kinetisches ist. Sie ist nicht konstant, genauso wie wir. Wir ändern uns, vielleicht nicht die fundamentalen Eigenschaften ändern sich, aber wir wachsen. Und die Musik und ihre Bedeutung wachsen mit. Sie bleibt genauso wie sie ist, aber ihre Bedeutung verwandelt sich. Ich bin mit „OK Computer“ gewachsen, und in meiner kleinen Welt ist auch „OK Computer“ mit mir gewachsen.

Den Track „The Tourist“ habe ich vielleicht ein Tausend Mal gehört. Habe mich aber nie angesprochen gefühlt, bis ich an einer warmen Nacht an einem einsamen Strand alleine lag, und mir den Sternehimmel angeschaut habe. Das war erst vor ein paar Wochen. Mit 32 Jahren habe ich endlich begriffen, dass der Idiot, der die Sache langsam angehen soll, ich selber bin.

„Glück ist harte Arbeit, jeden Tag“, sagte mir eine meiner Tanten einst. Das ist vielleicht ungefähr die wichtigste Weisheit, die ein Mensch einem anderen weitergeben kann. Wir, also die, die es nie leicht hatten, es auch nie leicht haben werden, müssen uns mit dieser Realität versöhnen.

Das Album „Dummy“ von Portishead ist inzwischen 24 Jahre alt. Ich war gerade 12, als mir eine andere meiner Tanten das Album geschenkt hat. Meine Gleichaltrigen hörten Spice Girls, ich hörte „Roads“, „Sour Times“ und „Glory Box“, und habe mich mit dieser Musik definiert.

Jetzt nach 20 Jahren nach der Begegnung mit Portishead höre ich das Album noch immer. Und immer noch definieren wir uns gegenseitig.

Ich erinnere mich an jedes peinliche Detail. Zum Beispiel wie sich ein Stück Tofu von meinen Essstäbchen befreit hat, und in meinen Ramen gelandet ist. Ich hatte Suppe überall auf meiner Kleidung. Und du so: „Wir haben noch sechs Stück von den Edamame. Drei für dich, drei für mich.“ Ich war gerade neu in dieser Stadt. Du hattest tätowierte Finger. Und hast mich ganz aufmerksam beobachtet.

Plötzlich entwaffnet. Mit deiner Abwesenheit wurde diese Stadt auf einmal ein Schutzort für mich, und ich konnte das endlich eingestehen, was ich seit Monaten verdrängt hatte. Tausende von Kilometern, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich dich vielleicht nie wieder sehen werde, haben dafür gesorgt, dass ich in mich hinein gehe, und herausfinde, was ich eigentlich fühle. Ich fühle, dass die emotionale Arbeit, die Aufarbeitung sehr schwierig ist. Zähne knirschen. Alle Songs schon gesungen.

„Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ ist inzwischen 14 Jahre alt. Ich habe mir diesen Film von Michel Gondry mindestens 14 Mal angeschaut, und bei der Szene unter der Decke, in der Clementine von der Puppe erzählt, die sie als kleines Mädchen hatte, musste ich jedes Mal weinen. Das ist der Augenblick, indem die Geschichte die unerwartete Wende nimmt: Joel fängt an, mit Clementine davonzulaufen, sich gegen den Prozess zu wehren, um eben diese eine Erinnerung beibehalten zu können. Hilflos muss er sie am Ende doch loslassen. „Erinnere dich an mich, versuch dein Bestes“ sagt sie ihm. „Treffe mich in Montauk.“

Vergessen ist eine Sache, die ist machbar, und eigentlich auch gar nicht so schwierig. Wenn wir uns nicht wehren würden.

 

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2 Kommentare

    • „No Surprises“ ist so unfassbar schön! Also kann ich nur nachvollziehen, wenn er dir viel bedeutet!

      „A heart that’s full up like a landfill
      A job that slowly kills you
      Bruises that won’t heal
      You look so tired, unhappy
      Bring down the government
      They don’t, they don’t speak for us“

      Vielen Dank für dein Kommentar. Ich habe mich sehr gefreut.

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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