Deutsch, Politics
Kommentare 8

Eine Antwort auf Hannah Lühmanns Frage, warum Daryush Valizadeh Vergewaltigung legalisieren möchte

Schon wieder eine Autorin der WELT, schon wieder ein missverstandenes Problem.

Leider erst vor ein paar Tagen bin ich auf den Beitrag von Hannah Lühmann in der WELT gestoßen und schon wieder kann ich meine Gedanken nicht für mich behalten. Das letzte Mal, als ich eine Antwort auf eine Autorin der WELT schreiben musste, war es eine Reaktion auf einen provokativen Beitrag von Ronja Von Rönne an Feminismus. Diesmal ist es anders, denn die Art und Weise des Beitrags von Frau Lühmann ist nicht ansatzweise so ignorant oder unemanzipiert wie der von Frau Von Rönne, sondern beinhaltet einen Fehler, der meiner Meinung nach weltweit schon zu häufig begangen wird. Hannah Lühmann stellt sich die Frage, warum der amerikanische Blogger Daryush Valizadeh Vergewaltigung legalisieren möchte und versucht sie mit einer Theorie zu beantworten.

Schon am Anfang des Gedankenexperimentes von Hannah Lühmann lässt sich das Problem finden: Die Autorin bittet die Leserschaft, sich „den denkbar schlechtesten Menschen“ vorzustellen und meint dabei Herrn Valizadeh, der diesen Titel ganz bestimmt stolz annehmen würde. Dabei vergisst Frau Lühmann, dass es mehr Männer gibt auf der Welt, die so denken wie Valizadeh denkt und so handeln wie er handelt, als wir zählen könnten. Also der schlechteste Mensch der Welt kann Valizadeh nicht sein, wenn schon unzählbar viele andere derselben Art existieren.

Das Problem sind die patriarchale Strukturen

Daryush Valizadeh ist ein Vergewaltiger: Er denkt, Vergewaltigung würden Männern zustehen. Er genießt die Macht und die Privilegien davon, als ein Mann auf die Welt gekommen zu sein. Er genießt den Gedanken, mit jemandem tun zu können, was er tun möchte. Genauso wie der Polizist, der den Verhafteten foltert, wie der Ehemann, der seiner Frau nicht erlaubt zu arbeiten, wie die Mutter, die ihr Kind schlägt, wie die europäische Frau, die ihre ausländische Haushaltshelferin niedermacht, und wie das Kind, das die Katze der Nachbar foltert und tötet. Valizadeh genießt die hierarchische Überlegenheit gegenüber der Frauen, die ihm die patriarchale Strukturen ermöglichen.

Aber können wir wirklich davon ausgehen, dass er so unvorstellbar unmenschlich ist, dass er ein Loch anstelle eines Herzen hat? Nein. Er ist ein Mensch. Nicht mehr, nicht weniger.

Laut eines UN-Berichts hat über ein Drittel aller Frauen weltweit Gewalt überlebt. Laut Terre des Femmes hat in Deutschland jede Vierte Frau häusliche Gewalt erlebt, häufig zusätzlich auch sexualisierte Gewalt. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache von Verletzungen der Frau (häufiger als Krebs und Verkehrsunfälle zusammen gerechnet). In Deutschland sind Vergewaltigungen in der Ehe erst seit 1997 keine private Sache, sondern ein Straftat. Erst seit 1997 dürfen Ehemänner ihre Frauen nicht mehr vergewaltigen. Dass dieses mittlerweile eine Straftat ist, heißt längst nicht, dass keine Vergewaltigungen mehr in der Ehe zustande kommen. Sind diese Ehemänner und die, die für das Strafgesetzbuch vor 1997 verantwortlich sind, alle so schlechte Menschen? Ich würde sagen, diese sind einfach nur Menschen.

Monster oder Mensch?

Vergewaltiger sind am häufigsten Bekannte oder Familienmitglieder: Der eigene Ehemann, Vater, Partner, Ex-Partner oder Verwandte – keine teuflische Wesen, keine Monster sondern Menschenmänner. Häufig versucht die eigene Familie der Überlebende eine Anzeige zu verhindern. Der Tatort ist am häufigsten das eigene Heim der Frau, keine dunkle Straße Mitternacht, kein ruhiger Park. Die Hälfte der Überlebende der Sexualverbrechen sprechen mit niemanden über das zerstörerische Erlebnis; mehr Frauen zeigen die Vergewaltiger nicht an als die, die Anzeigen erstatten. Und wenn die Frauen anzeigen, müssen sie mit einem qualvollen Prozess rechnen, denn die Aussage der Frau reicht nicht aus. Sie muss beweisen, dass sie tatsächlich vergewaltigt worden ist und, dass sie sich „ausreichend“ gewehrt hat. Das System erlaubt vielen Vergewaltigern, der Gerechtigkeit zu entfliehen.

Männliche Loser, die keinen Sex kriegen“

Ich muss auch mal sagen, dass ich es gut finde, dass sich Frau Lühmann Gedanken über das Problem der sexualisierten Gewalt macht. Nur, habe ich die Befürchtung, dass sie sich zu kurzsichtig mit der Problematik befasst. Das führt zu einem Problem, und zwar, dass ein völlig falsches Bild der Sache verbreitet wird, denn Journalistinnen und Journalisten gestalten die Gesellschaften mit ihren Beiträgen mit.

Frau Lühmann schreibt in ihrem Beitrag, dass die Anhänger von Valizadeh, also die restliche Vergewaltiger, männliche Loser sind, die keinen Sex kriegen. Diese Aussage geht also davon aus, dass Vergewaltigungen etwas mit Sex zu tun hätten. Nur das stimmt nicht. Denn eine Vergewaltigung ist nur und nur eine Gewalttat. Frau Lühmann würde es doch nicht für Gärtnern halten, wenn ich jemanden mit einer Kelle schlagen würde, oder? Ich hoffe nicht, das wäre ja furchtbar.

Vergewaltigungen als Sex zu bezeichnen ist eine Art und Weise, sie zu verharmlosen. Von Vergewaltigern ein unmenschliches Bild zu machen stellt vergewaltigende Ehemänner, Väter und (Ex-)Partner harmlos dar. Diese sind keine Monster, sondern nur Menschenmänner. Daryush Valizadeh traut sich nur, seine Gedanken vor den Publika auszusprechen.

Was ist die Lösung?

Wir müssen endlich mal beginnen und so oft wiederholen wie wir es können: Ihr Männer könnt uns nicht vergewaltigen, denn wir sind nicht für euch da. Wir tragen was wir wollen, wir gehen dahin wo wir wollen und wann wir wollen. Wir trinken was wir wollen. Nichts aber nichts in dieser Welt gibt euch das Recht uns anzufassen, wann wir das nicht wollen.

Wir müssen die Geschlechterrollen zerstören, denn sie sind für die Unterdrückung derjenigen verantwortlich, die keine Männer sind. Wir müssen uns mit jedem Erzieher und jeder Erzieherin anlegen, der oder die unseren Kindern die Geschlechterrollen zu drängen versuchen. Nur so können wir Vergewaltigungen und andere Arten der Gewalt gegen Frauen enden – wenn sich keiner seines Geschlechts wegen überlegen fühlt.

Und beginnen müssen wir mit unserem eigenen Ich.

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Deutsch, Politics

von

Welcome to my blog! Here you will find some inputs of politics of Turkey, women in media and animal and women’s rights. The name is Sibel Schick and I was born on a wednesday on the hot southwest coast of Turkey as the only child of an arranged marriage. I left my home city 2009 due to the twofold discrimination I experienced as a kurdish woman. Currently I live in Cologne, Germany with my roommates and three cats. I spend most of my time at the TH Köln where I study Online-Redaktion and writing articles for various media. Besides I am keeping busy with the proactive platform erktolia.org which I co-founded, the turkish version of the international anti-sexist community macholand.org. I make and cherish music in my spare time and enjoy comedies.

8 Kommentare

  1. #yourCisWhiteMaleScum sagt

    „Wir tragen was wir wollen, wir gehen dahin wo wir wollen und wann wir wollen. Wir trinken was wir wollen. Nichts aber nichts in dieser Welt gibt euch das Recht uns anzufassen, wann wir das nicht wollen. “

    Natürlich gibt Männern niemand das „Recht“ dazu. Aber genauso wie der in der Disco pöbelnde Vollidiot damit rechnen muss auf die Fresse zu kriegen, wie jemand, der seine teure Digitalkamera auf der Straße liegen lässt, damit rechnen muss, dass sie geklaut wird, müssen Frauen in Minirock und einem Oberteil, das man genauso gut als Schal tragen könnte, damit rechnen, angesprochen oder beim Tanzen angefasst zu werden.

    Gefällt mir

  2. Deine Interpretation findet meiner Meinung nach keinen Rückhalt in dem was roosh schreibt. Ich habe es hier mal näher betrachtet.

    https://allesevolution.wordpress.com/2016/02/05/roosh-und-vergewaltigungen-legalisieren-bzw-make-rape-legal/

    Er schreibt:

    I keep reading in the mainstream media that there is a rape culture in the United States. This issue concerns me since I have a sister who I don’t want to be raped, so I carefully examined the articles on Salon, Buzzfeed, and Huffington Post that were written by professional journalists who pursue truth and justice over mass hysteria and delirium.

    I knew from an early age that rape was bad, as was all forms of violence, not just against women but men as well. I also knew that killing, stealing, and having sexual interest in relatives was bad. I don’t remember if someone specifically taught me these rules, but I also don’t remember being taught that the sun rises and sets once a day, or that I will go splat if I jump off a tall building. I don’t know of a single man entering adulthood who thought that rape was good and had to be manually taught it was bad in order to stop him from raping

    Gefällt mir

    • Hallo,

      Erstmal vielen Dank für das Kommentar.

      Ich finde, dass es nicht stimmt, dass es Menschen nicht beigebracht wird, Gewalt gegen Anderen auszuüben. Erziehung findet nicht nur durch Eltern statt, sondern auch durch das politische System, die Gesellschaft und die Medien. Männer und Jungen erleben auch Gewalt, und das ist genauso bedauerlich. Aber wenn wir uns die Täter anschauen, egal an wen Gewalt ausgeübt wird, sind sie hauptsächlich Männer.

      Die Geschlechterrollen prägen Menschen schon im kleinen Alter. Überlebende werden dazu gebracht, sich zu rechtfertigen. Frauenkörper wird durch Werbeindustrie verdinglicht und als was käufliches dargestellt. Mädchen wird das schweigen beigebracht, sie werden als „Homemaker“ erzogen, weil sie „zu Hause zugehören“. Dadurch werden die Überlebende der Vergewaltigungen in Frage gestellt, wenn die Tat spät Nachts weg von zu Hause passiert. Als hätten sie da nichts zu tun, also wären sie selbst dafür verantwortlich.

      Dass Vergewaltigung schlecht ist, weiß natürlich fast jeder. Aber leider wird nicht jede Art von Vergewaltigung als Vergewaltigung anerkannt. Bestimmte Verhaltensmuster werden von der Gesellschaft akzeptiert, obwohl sie genauso gewaltig und traumatisierend sind für die Betroffene.

      Gefällt mir

  3. Sabrina sagt

    Und was ist mit Musikvideos von zB Beyonce, Christina Aguilera etc, steht da auch immer ein Mann hintendran und zieht die Fäden, ohne dass die Künstlerinnen das letzte Wort sagen?
    Was ist mit solchen Phänomenen wie den Kardashians? Die ihr ach so übersexualisiertes Leben öffentlich zur Schau stellen? Das sind alles Dinge, die keinen Mann der Welt jucken, zumindest hat sich niemand meiner männlichen Freunde oder Kollegen zu so etwas bekannt.
    Viele Frauen nehmen sich solche Sachen zum Vorbild, und sicherlich nicht, weil sie dazu gezwungen werden.
    Dieser Feminismus, den du da anstrebst, steht sich wie so oft selbst im Weg.

    Gefällt mir

    • Hallo Sabrina,

      Danke für deinen Input. Das, was du erwähnst, ist die Art wie sich der Kapitalismus vom Sex ernährt. Das ist ein anderes Thema, jedoch stammt das aus dergleichen Problematik, nämlich vom Sexismus. Ich habe ein Projekt, mit dem ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aktiv gegen Sexismus in den Medien einsetze (macholand.org).

      Es gibt selbstverständlich viele Frauen, die gegen den Feminismus sind und patriarchale Strukturen unterstützen. Das einfachste im Leben ist, sich zu den Stärkeren zu stellen. Die Namen, die du aufgelistet hast, sind Produkte. Ich habe nicht die Absicht, Menschen dazu zu bringen, sich böse Männer vorzustellen, die hinter jeder Frau stehen und die Fäden ziehen, sondern klar zu stellen, dass Gedanken manipulierbar sind. Viele Frauen halten es z.B. für richtig, sich verhungern zu lassen, um so dünn werden zu können wie die, die sie aus dem Fernsehbildschirm kennen. Sie werden nicht direkt gezwungen, sondern sind manipuliert, bestimmten Schönheitsidealen zu folgen. Was die Fäden zieht ist eine ganze Struktur, ein System.

      Ich finde unser Ausgangspunkt sollte nicht das sein, was „Männer juckt“, sondern das, was wir für richtig und fair halten. Die Privilegierten werden ihre Macht nicht freiwillig aufgeben. Die Benachteiligten sind die, die für ihre Rechte kämpfen müssen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s