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Suruç Angriff: Die Kinder mit Spielzeugen

Titelbild

Die SGDF im Garten des Amara Kulturzentrums während der Pressemitteilung, ungefähr eine halbe Stunde vor der Explosion.

Am 20. Juli explodierte eine Bombe in dem nahe Syrien liegenden türkischen Stadtteil Suruç. Sie tötete 33 Menschen und verletzte über 150. Die SGDF hält die Übergangsregierung der AKP für verantwortlich. Aber wer wurde dort ermordet und warum? Antworten zwei Genossen der SGDF.

300 Anhänger der SGDF, die Föderation Sozialistischer Jugendvereine, fuhren nach Suruç aus allen türkischen Städten, um von dort aus über die Grenze nach Kobanê zu reisen, in die syrische Stadt, die im Kampf gegen ISIS zu 80 Prozent zerstört wurde. Ihr Ziel war, sich an dem Wiederaufbau der Stadt zu beteiligen, einen Wald anzupflanzen und Spielzeuge beziehungsweise jegliche Art humanitäre Hilfe anzubieten. In dem Garten des Amara Kulturzentrums, in dem sie in Suruç übernachteten und in dessen Gartens sie morgens eine Pressemitteilung hielten, sprengte der Selbstmordattentäter die Bombe. Eine Videoaufnahme von diesem besagten Augenblick findet sich im Internet, frei zugänglich für jeden, der sich traut hinzusehen. Der Anschlag wurde der Terrorgruppe ISIS zugeschrieben, dennoch gibt es hierfür keinen stichfesten Beweis.

Die SGDF ist die Jugendorganisation der ESP, einer marxistisch-leninistischen türkischen Partei. Die Gruppe setzt sich u.a. für die Autonomie der Kurden ein und wird deshalb aus konservativen und nationalistischen Kreisen mit der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, und zwar mit der PKK in Verbindung gebracht. Warum die SGDF Hilfe nach Kobanê brachte erklärt der Co-Vorsitzender Oğuz Yüzgeç, der in Suruç verletzt wurde und noch im Krankenbett liegt, wie folgt:

Rojava Revolution ist die Revolution aller unterdrückten Völker, die ihnen ermöglicht, auf einer freien und gleichberechtigten Grundlage existieren zu können. Frauen sind mit an der Macht von Verteidigung bis in die gesellschaftliche Konstruktion. Während frauenfeindliche Banden wie ISIS Frauen versklaven, stellt Rojava den Höhepunkt der Frauengleichberechtigung dar. Die Volksdemokratie, die in einer kommunalen Form geführt wird, von der die Jugend ein Grundanteil ist, wird wieder von der Jugend weitergeleitet. Die kommunale Wirtschaft, die auf Genossenschaften basiert ist, hat einen demokratischen Charakter und deshalb stellt Rojava einen Raum der Freiheit und Gleichberechtigung innerhalb kapitalistischen und imperialistischen Feindlichkeit dar. Und das begann alles in Kobanê, wo Mächte wie ISIS und die türkische Republik (T.C) versuchten in Kobanê diese Revolution zu stoppen. Kobanê widerstand 134 Tage lang selbstlos und schlug die Milizen heldenhaft in die Flucht und so erhob sich die Rojava Revolution stärker hoch1.

Ohne Zweifel ist der Kobanê Triumph der, der Verteidigungseinheiten. Jedoch als SGDF wissen wir, dass ISIS nicht die einzige Macht ist, die Kobanê angreift, sondern auch T.C und die AKP-Regierung und für die Verteidigung dieser Revolution ist die Kampf gegen T.C, die Regierung und die Mühe für den Rückschritt deren Verbunds mit IS eine Notwendigkeit.2 Wir als SGDF verbreiteten und verteidigten diese Kampf an Universitäten und auf der Straße. Außerdem organisierten wir langfristige Spendenaktionen für humanitäre Hilfe und transportierten diese ans Ziel. Sinan Sağır und Emre Aslan, zwei unserer Genossen, fielen im Kampf gegen IS in Kobanê, so wie Ivana Hoffmann aus MLKP.3 SGDF unterstützt die Kampf nicht nur durch Widerstand, sondern auch aktiv im Kampf.“

Dass die SGDF zwischen dem 19-24. Juli in Kobanê sein wird, kündeten sie mit einer Kampagne in den sozialen Medien an, um wieder Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und den Schritt dahin zu normalisieren. Der erste Aufenthalt war nur für eine Woche geplant, dennoch wollten einige zurück bleiben und weitere Anreisen waren in der Planung.

Der Tag deren geplanter Abreise nach Kobanê war nicht zufällig gewählt. Es war der dritte Jahrestag der Rojava Revolution: Der Tag, an dem das Assad Regime aus kurdischen Gebieten Syriens zurücktrat und das Gebiet unter die Herrschaft der kurdischen Volksschutzeinheiten kam (YPG/YPJ).

Eine Revolution der Frauen

Als das Regime und das politische System Syriens die Bedürfnisse der Völker nicht mehr befriedigen konnte, begann 2004 ein Aufstand, der sich zuerst hauptsächlich auf die Araber beschränkte. Als sich die seit Jahrzehnten diskriminierten Kurden nach dem Qamischli-Massaker daran anschlossen, wurde 2005 die Frauenselbstverteidigungsorganisation Yekitiya Star gegründet. Seitdem werden Frauen aus Rojava von Yekitiya Star organisiert und bewaffnet. Sie lernen dort nicht nur die Künste der bewaffneten Selbstverteidigung, sondern entwickeln auch Strategien gegen die Vermännlichung der Gesellschaft, bilden Frauengerichte, in denen gegen Frauen gerichtete Gewalttaten verfolgt und bestraft werden und sie bilden und leiten Frauenhäuser, in denen Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, aufgenommen werden.

Eine der Vorsitzenden von Yekitiya Star, Halime Yusif, erklärt in einem Interview mit Hazal Halavut auf dem feministischen Blog 5harfliler.com, warum Rojava Revolution eine Frauenrevolution sei:

Frauen verstehen Revolution am besten, denn sie sind die, die unterdrückt, vergewaltigt und bloß gelegt werden. Es ist die Frau, die versucht wird zu vernichten. In Rojava sind Frauen sowohl aus ihrer kurdischen, als auch wegen ihrer weiblichen Identität mit in der Revolution dabei. Für Freiheit. Aus diesem Grund nennen wir die Rojava Revolution eine Frauenrevolution.“

Diese Fraueneinheiten (YPJ) spielten eine große Rolle in der Verteidigung Kobanês gegen IS. Die IS Milizen glauben, dass der Islam ihnen „erlaubt“ die Frauen gefangen zu nehmen, zu foltern, zu vergewaltigen und als Sklavinnen zu verkaufen. Außerdem sind sie überzeugt davon, dass sie nur in die Dschanna (Himmel, Paradies) steigen können, wenn sie von einem Mann getötet werden, aber nicht von einer Frau. Dabei entspricht YPJ ein Drittel der Volksschutzeinheiten und eben das muss ihnen Angst gemacht haben, denn der Glaube an den Himmel, die versprochenen Huris und das ewige Leben im Jenseits ist eine der größten Motivationen für IS Milizen.

Zusammen verteidigten wir Kobanê, zusammen bauen wir Kobanê auf

Oğuz Yüzgeç glaubt, dass die Wiederaufbau-Kampagne des SGDF jetzt die Kampagne der Millionen sei, sie sei von vielen Menschen und Organisationen aus der Welt begrüßt.

Die Wiederaufbau wird jetzt viel stärker. Es steht noch kein fester Termin, aber wir werden es nicht zulassen, dass die Träume unserer in Suruç gefallenen Genossen zerstört werden. Um jeden Preis werden wir Kobanê wieder aufbauen. Wir werden unsere eigene Sicherheitsmaßnahmen vornehmen, aber man darf nicht vergessen, dass der Anschlag nicht durch eine Sicherheitslücke entstand. Die unverbindlich danach begonnene Offensive gegen Kurden stellt die Dimensionen dieses Angriffs klar. Gegen Angriffe werden wir vorbereitet und resistenter sein. Wir werden uns besser organisieren. Wir sind jetzt besser vorbereitet.“

Nach dem Angriff wurden auf Facebook und Twitter Konten erstellt, auf denen vor allem Informationen zu den Verstorbenen gesammelt werden. Ein damalig aktives Mitglied des SGDF, Onur Binbir, erzählt, was die Seite beabsichtigt:

Sie wurden gegründet, um über den Zustand der Verletzten und den neuesten Stand der Ermittlung zu informieren, die sicherlich langfristig sein wird. Wir wissen, dass die Regierung alles in ihrer Macht tun wird, um ihren Anteil an der Schuld dieses Massakers zu überdecken. Dass die Informationen über die Ermittlung unterbunden sind, spricht für sich. Noch nicht mal die Anwälte konnten bisher an Informationen kommen.

Wir möchten mit diesen Konten verhindern,dass dieses Massaker in Vergessenheit gerät. Wir werden außerdem Informationen dokumentieren, Demonstrationen ankündigen und von den 324 Opfern des Massakers, von ihren Träumen, Hoffnungen und Leben berichten.

Aus den gesammelten Materialien wird später einen Dokumentarfilm gemacht.“

Polen Ünlü und Ezgi Sadet

Der Überschrift lautet: „Bilder von Polen Ünlü und Ezgi Sadet wurden im Cafe aufgehängt, wo sie zusammen arbeiteten.“ Die zwei Opfer des Anschlags, beide 20 Jahre alt, waren beste Freundinnen und wurden neben einander begraben.

Die rund 300 Anhänger des SGDF hatten vor eine medizinische Notaufnahme, eine Bibliothek, ein Museum und einen Kinderspielplatz aufzubauen; Fotografien und Filme aufzunehmen, Fresken zu malen, mit den 500 Sprösslingen, die mit mitbrachten, einen Erinnerungswald anzupflanzen, Spielzeuge zu verteilen, Theaterstücke aufzuführen, Konzerte zu spielen und riefen dabei jeden auf mitzukommen, mitzuhelfen. Die Fotos des Tatorts sind grausam: Blut, tote Menschen und mittendrin sind bunte Spielzeuge auf dem Boden des Gartens vom Amara Kulturzentrum.

So schlecht wie man Terrorattacken rechtfertigen kann, kann man sich die Gründe hierfür vorstellen. Die Botschaft ist klar: „Geht nicht nach Kobanê. Baut die Stadt nicht neu auf. Habt Angst um euer Leben. Es ist gefährlich hier für euch. Bleibt zu Hause.“

Aber sie werden nicht zu Hause bleiben. Denn wenn Kobanê neu aufgebaut wird, wird die größte Niederlage des ISIS zum zweiten Mal bestätigt. Wenn sich die Jugendliche der Türkei für einen autonomen kurdischen Gebiet einsetzen, werden sich möglicherweise die zwei größten Linksflügel innerhalb der Türkei vereinen. Das ist das, was die Co-Vorsitzenderin des SGDF, İlke Başak Baydar, während der Pressemitteilung am 28. Juli ganz klar äußerte:

Wir können ohne Zweifel sagen: Wir sind kummervoll, traurig und wütend, aber überrascht sind wir nicht. Diejenigen, die sich gegen die Revolution der Völker gestellt haben und diese versucht haben zu erwürgen, griffen uns an als die, die sie wieder senkrecht stellen wollten, weil sie die Feinde der Revolution sind. Sie fürchten sich, dass die Kinder von Gezi und die Kinder von Kobanê neben einander stehen und zu ihnen marschieren werden.“

In so einem kleinen Stadtteil wie Suruç mit etwas über 100.000 Einwohnern, in dem sich durch die Sicherheitsmaßnahmen ein Überangebot von Polizisten und Soldaten befindet, in dem an jeder Ecke Sicherheitskameras installiert sind, konnte der Angriff nicht verhindert werden. Eine einzelne Person wurde für solch eine geplante Attacke verantwortlich gemacht. Eine Attacke, für die sich bisher keine Organisation bekannt hat.

Was Recep Tayyip Erdoğan drei Wochen vor dem Angriff, am 26. Juni auf Twitter ankündigte, unterstützt die Aussagen der SGDF:

Hiermit teile ich der Welt mit: Wir werden es niemals zulassen, dass ein Staat im Norden Syriens, Süden der Türkei gegründet wird. Egal um welchen Preis.”

Dieser Artikel wurde für die Tageszeitung Junge Welt geschrieben, dessen von Michael Streitberg bearbeitete Version  am 25.08.2015 veröffentlicht wurde.


1 Die Stadt Kobanê war von September 2014 bis Januar 2015 an drei Seiten vom IS umgeben: Aus dem Osten, Süden und Westen.

2 Keine offizielle Information, dennoch berichten Einwohner von Suruç von naheliegenden Krankenhäusern, in denen IS Milizen behandelt werden sollen, die von der Tochter Recep Tayyip Erdoğans, Sümeyye Erdoğan geführt seien. http://www.focus.de/politik/ausland/geheime-krankenhausabteilung-in-kilis-tuerkei-macht-islamisten-wieder-fit-fuer-den-dschihad_id_3970651.html

3 Ivana Hoffmann: Die erste ausländische Frau, die in Kobane im Kampf gegen IS starb. Sie kam aus Duisburg, war ein Mitglied von Young Struggle, dessen Schwester-Organisation die verbotene marxistisch-leninistische Partei der Türkei ist (MLKP). http://www.taz.de/!5017378/

4 Die offizielle Zahl zu der Zeit des Gesprächs.

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Welcome to my blog! Here you will find some inputs of politics of Turkey, women in media and animal and women’s rights. The name is Sibel Schick and I was born on a wednesday on the hot southwest coast of Turkey as the only child of an arranged marriage. I left my home city 2009 due to the twofold discrimination I experienced as a kurdish woman. Currently I live in Cologne, Germany with my roommates and three cats. I spend most of my time at the TH Köln where I study Online-Redaktion and writing articles for various media. Besides I am keeping busy with the proactive platform erktolia.org which I co-founded, the turkish version of the international anti-sexist community macholand.org. I make and cherish music in my spare time and enjoy comedies.

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