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Warum braucht die Türkei Feminismus und wieso mache ich diese Bewegung mit?

Jede Gesellschaft hat einen Schwachpunkt: in Deutschland zum Beispiel ist er Rassismus, weil man vor allem den Scham des zweiten Weltkrieges nicht vergessen möchte. In Japan ist es der Scham selbst und in Frankreich der nationale Stolz.

Ich bin schon immer sensibel gewesen was Ungerechtigkeit angeht und einer meiner Einsätze für das Jahr 2014 war politisch aktiv zu werden. So wie es damals aussah wäre ich Bereich Tierrechte aktiv geworden, aber es ist anders gelaufen, als ich es mir vorgestellt habe. Stattdessen habe ich mit einer meiner besten Freundinnen eine Webseite gegründet, die Online-Kampagnen und Petitionen anbietet und ihr Publikum aufruft, diese mitzumachen. Der Schwerpunkt ist der türkische und kurdische Feminismus und die Webseite und ihr ganzer Inhalt ist auf türkisch. Dabei wohne ich in Deutschland und wenn ich von diesem Projekt erzähle, schauen mich die Leute nicht selten an, als würden sie mich fragen, ob ich verrückt wäre. Ich habe den Bedarf zu erklären, warum die Türkei den Feminismus ganz dringend braucht.

Die Türkei gehört zu den ersten Ländern, welches Frauen das Wahlrecht gegeben hat (1934) und ist gleichzeitig eines, in dem das Frausein am schwierigsten ist.

Die Politik der Regierungen bestimmt und formt die Kultur einer Gesellschaft. Die totalitären Regime schaffen in der Regel verständnislose, intolerante Individuen. Das ist in der Türkei nicht anders.

Das Osmanische Reich war damit berühmt, viele verschiedene Kulturkreise und Religionsangehörige zu beinhalten; ein Land des Verständnisses, wo Muslime und Christen harmonisch und friedlich koexistieren konnten. Ob es wirklich so war ist ein anderes Thema, aber es ist eine Tatsache, dass die Reformen in Bereichen Finanzen und Militär, die im 19. Jahrhundert stattfanden, dem Staat viel Geld kosteten und dadurch die direkten Steuern speziell für Christen erhöht wurden. Kann also nicht völlig stimmen, dass jeder die selben Rechte hatte und dass die Gesetze alle Menschen gleich behandelt haben.

Nach der Gründung der Türkischen Republik erhielten die Frauen das Wahlrecht – nicht als Ergebnis eines langfristigen Kampfes und einer Reihe von Demonstrationen wie üblich, sondern als eine Art Reform. Diese kleine Einzelheit macht mehr aus als man denken würde.

In dem neuen nationalen Staat der Türkischen Republik, wo zwei der sechs Staatsprinzipien Dirigismus und Nationalismus sind, hieß es, der Staat schenkt uns alles was wir als Volk benötigen – er weiß, was gut für uns ist und so hat man gelernt, seinen Staat bedingungslos zu lieben und seine Taten nicht in Frage zu stellen. Durch die Verletzung der Presse- und Meinungsfreiheit bekommen die Bürger heute noch viel zu wenig von dem eigentlichen Geschehen mit und durch die durchdachte offizielle Geschichte (manche nennen es die Schreibtischgeschichte, weil es Fiktion sei), indem der neue Staat die Rettung vor der Tyrannei war, haben sie kein Bedürfnis die Taten und Entscheidungen der Regierung zu hinterfragen.

Frauen, völlig zufrieden mit dem Geschenk, welches Wahlrecht heißt, haben seit neunzig Jahren offiziell die Macht, das Land politisch mitzugestalten. Und sie werden jährlich x-mal umgebracht, im Kindesalter verheiratet, missbraucht und vergewaltigt. Sie sind in Bildung und der Arbeitswelt zutiefst benachteiligt. Es gab immer wieder mal einen Aufschrei und mal eine Demonstration, aber die Problematik hat zu wenige Frauen interessiert. Für die Regierung heißt es heute noch, Frauenmorde seien nicht politisch, es hänge mit dem Bildungsniveau zusammen. Die Fälle hatten bis vor kurzem nicht mal die Qualität einer Schlagzeile, wenn jeden zweiten Tag eine Frau von ihrem Mann, Ex-Mann, Freund, Ex-Freund, Vater oder von irgendeinem männlichen Verwandten umgebracht wurde. Bis eine bestimmte Frau sterben musste…

Und zwar Özgecan Aslan. Das ist die Frau, die die Aufmerksamkeit von tausenden auf Frauenmörder lenkte. Ihr Tod machte so viele Menschen wütend, er zog tausende Frauen und Männer landesweit auf die Straße und ließ sie gegen männliche Politik und die männliche Gerechtigkeit protestieren. Man verlangte die Hinrichtung der Täter.

ööööö

Özgecan Aslan war eine 20 jährige Psychologie Studentin an der Çağ Universität in Mersin (Südküste). Am 11. Februar 2015 nahm sie nach der Uni wie immer einen Bus nach Hause. Laut der Aussage des Täters war sie irgendwann der einzige Fahrgast. Als sie merkte, dass der Fahrer auf dem falschen Weg ist, fragte sie ihn, wo er sie hinführen würde und hat ihn aufgefordert, auf die richtige Straße zu fahren. Der Fahrer sagte dann, es wäre der richtige Weg, er hätte nur wegen dem Straßenverkehr eine unübliche Route ausgewählt. Kurz danach hielt er an und versuchte sie zu vergewaltigen. Sie wehrte sich mit einem Pfefferspray und kratze dem Täter ins Gesicht. Das machte ihn wütend – er holte die Metall Stange, die er vorne beim Lenker liegen hatte und verprügelte sie damit. Danach hat er sie mit einem Messer angestochen. Sie war noch nicht tot und lag hinten in ihrem eigenen Blut als er mit dem Bus losfuhr. Er holte seinen Vater und seinen besten Freund ab und sie halfen ihm Özgecan loszuwerden. Zuerst haben sie ihre Hände abgeschnitten, als sie noch am Leben war, weil sie daran dachten, sie könnte die DNA des Täters unter den Fingernägeln haben. Kurz danach schnitten sie ihr die Kehle durch und fackelten ihren Körper ab. Den Körper warfen sie in einen Fluss. Die Polizei fand die abgeschnitten Hände in der Wohnung von dem Vater des Täters, sie wurden in die Toilette geschmissen.

Das Verfahren läuft immer noch. In der letzten Nachricht, die ich zu diesem Thema gelesen habe, ging es darum, dass die Straße, an der Özgecan gewohnt hat und ihre Familie heute noch wohnt, nach ihr benannt wurde. Eine große Ehre für ein Opfer des Patriarchats und ist nur bedeutsam, wenn sich die selbe Sensibilität auch vor Gericht zeigt.

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Vor Özgecan wurden hunderte und tausende Frauen umgebracht, aber erst der Fall von Özgecan machte viele Menschen wütend, weil sie einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht angehörte – eine junge, hübsche Frau, Studentin, eine Angehörige der Mittelklasse…

Verdienten vorher also tausende Hausfrauen von ihren Männern umgebracht zu werden, weil sie entweder ohne seine Erlaubnis raus gingen oder aus irgendeinem anderen schwachsinnigen Grund? Wie können die Frauenmorde ein Ende haben, wenn der Staat die Täter mit nur 2-3 Jahren Freiheitsstrafe „belohnt“, Vergewaltiger wegen guter Führung während des Verfahrens Milderungen bekommen, wenn es Richter gibt, die die Vergewaltiger eines 12-jährigen Mädchens entlässt, weil diese mit ihrer Einwilligung geschehen sei? Wie soll sich das Sexismus Problem lösen, wenn selbst die Betroffenen, also die Frauen, nichts dagegen tun?

Die Frauenmorde in der Türkei sind eine sehr politische Sache, dessen Ursache Sexismus und sonst nichts anderes ist. Wer es versucht anders zu erklären, versucht die Tatsache zu verdrängen. Rassismus, Speziesismus und Sexismus sind die bitteren Realitäten und feste Bestandteile der türkischen Gesellschaft, deshalb werden Frauen täglich umgebracht, Tiere täglich getreten, gegessen und erschossen (je nachdem wo sie sich befinden), Kinder von Soldaten erschossen, mit der Begründung sie seien Terroristen (es heißt sie sind Kurden), Mädchen werden mit alten Männern verheiratet und führen ein qualvolles Leben, indem eheliche Vergewaltigung und Prügel Routine sind.

Obwohl es eine relative Sensibilität ist, die durch den Mord von Özgecan Aslan entstand, kann es nur als ein positives Zeichen betrachtet werden. So sind endlich viele Frauen an der selben Front für Gerechtigkeit und Gleichheit. So haben endlich auch viele Männer verstanden, dass sie Frauen seit Jahren in diesem Kampf alleine gelassen haben. So ist endlich vielen Frauenfeinden klar geworden: Wir sterben nicht ohne zu kämpfen.

Ich mache dieses Projekt mit, obwohl ich nicht mehr in der Türkei wohne, weil ich mir eine Welt vorstelle und wünsche, in dem Mensch und Tier in Harmonie und Frieden neben einander existieren können. Ich wünsche mir, Frauenmorde und Sexismus werden so ein großer Scham in der türkischen Gesellschaft in der Zukunft, wie der Holocaust heute in Deutschland. Ich glaube an unserem Kampf; ich weiß, dass uns schöne Tage erwarten.

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Welcome to my blog! Here you will find some inputs of politics of Turkey, women in media and animal and women’s rights. The name is Sibel Schick and I was born on a wednesday on the hot southwest coast of Turkey as the only child of an arranged marriage. I left my home city 2009 due to the twofold discrimination I experienced as a kurdish woman. Currently I live in Cologne, Germany with my roommates and three cats. I spend most of my time at the TH Köln where I study Online-Redaktion and writing articles for various media. Besides I am keeping busy with the proactive platform erktolia.org which I co-founded, the turkish version of the international anti-sexist community macholand.org. I make and cherish music in my spare time and enjoy comedies.

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