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Die Hanfpflanze Cem Özdemirs und die Doppelmoral der Drogenpolitik Deutschlands

Es vergeht kein Tag ohne erstaunliche Nachrichten aus verschiedensten Ecken der Welt. An diesem eiskalten Sonntagmorgen habe ich beim Frühstück die Nachricht gelesen, dass die Immunität vom Bundesvorsitzenden der Grünen Cem Özdemir aufgehoben wurde. Der Grund sei ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Anbaus von Betäubungsmitteln: Eine Hanfpflanze in seiner Wohnung! Als Cem Özdemir 2014 an der Ice Bucket Challenge teilnahm und dafür auf dem Balkon seiner Berliner Wohnung ein Video schoss, nahm sein Objektiv wohl noch die grüne Hanfpflanze auf, dessen Blätter zärtlich im Wind wehten. Diese Pflanze erregte wohl die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft Berlin und um das Ermittlungsverfahren beginnen zu können, musste zuerst seine Immunität aufgehoben werden.

Das Kommentar Özdemirs lautet wie folgt: „Ja, es ist eine Hanfpflanze, sie ist als sanftes, politisches Statement zu verstehen. Jeder Bürger über 18 soll selbst entscheiden dürfen, ob er Cannabis konsumieren will. Dass das simple Platzieren einer Hanfpflanze in einem Internetvideo umfangreiche Ermittlungen nach sich zieht, zeigt, wie widersinnig die deutsche Drogenpolitik ist. Die Kriminalisierung der Konsumenten von Cannabis in Deutschland lässt sich jedoch nur mit einer ideologischen und irrationalen Drogenpolitik erklären, die eine Droge wie beispielsweise Alkohol akzeptiert, eine andere wie Cannabis jedoch mit allen gesellschaftlichen Folgen verteufelt.“

Als ein Mensch, der seit sechs Jahren in Deutschland wohnt, kann ich Özdemir nur zustimmen. Obwohl vom Bundesland abhängig, darf an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren Alkohol ausgeschenkt werden, wenn diese von sorgeberechtigten Personen begleitet werden. Laut Statistiken aus dem Jahre 2012 beträgt die Alkoholmenge pro Person 135,4 Liter; 96,4% der Personen zwischen 18-69 Jahren konsumieren Alkohol und 1,77 Millionen Menschen sind alkoholabhängig.

Alkoholabhängig. Klingt doch unglaublich, oder?

Nach einem Bericht der WHO (World Health Organisation) konsumierten Personen im Jahr 2012 12,8 Liter reinen Alkohol. Wenn man das in Bier (das meist konsumierte alkoholische Getränk in Deutschland) umrechnet, lautet die Menge 268 Liter pro Person. Eins von sechs Kindern kommen aus einem Haushalt, in dem mindestens ein Elternteil Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängig ist. Während jährlich 74 Tausend Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums sterben, werden die Kosten alkoholbedingter Krankheiten pro Jahr auf 26,7 Milliarden Euro geschätzt. Die Gewalttaten unter Alkoholeinfluss, die Kosten durch Unfälle und die dadurch entstandene Tode nenne ich noch nicht mal. Wen es interessiert, kann sich ein paar Minuten in Google verlaufen und schon findet man die Zahlen.

Dagegen sind aber die Werbungen für alkoholische Getränke legal und das Budget für diese Werbungen betrug im Jahr 2012 562 Millionen Euro.

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Von all den Stimulanzien die es gibt, ist Alkohol die hinterhältigste: In vielen Fällen sind sich alkoholabhängige Personen ihrer Sucht nicht bewusst. Da diese Sucht oft nicht als solche wahrgenommen wird und der Konsum den Betroffenen eine gewisse Sicherheit gibt, führt es dazu, dass sie immer weiter trinken. Da der Konsum und das Werben für alkoholischen Getränke legal sind und Jugendliche diese jeden Tag vor Augen haben (die Billboards auf den Straßen, im Fernsehen; überall, wo es gelebt wird), möchten sie mehr Alkohol konsumieren. Die Menschen auf diesen Werbungen werden als Helden dargestellt, wenn nicht, dann mindestens charismatisch (ein Interview mit 174 Personen zwischen 10-17 Jahren zeigt deutlich, dass diese Alkohol konsumieren möchten, um den Werbungsmenschen ähnlich zu sein).

Der einzige Grund, dass der Konsum von Cannabis einem Schaden zufügen kann, ist wenn dieser mit Tabak zusammen konsumiert wird; eine andere legale Droge, die sogar noch mehr erschreckende Statistiken aufweist als der Alkohol.

Genauso wie der Alkohol, sind das Konsumieren und das Werben des Tabaks und der Tabakprodukte legal. Täglich werden in Deutschland Tabakprodukte im Wert von knapp 40 Millionen Euro konsumiert . 2013 betrug diese Zahl 14 Milliarden.

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Jedes Jahr sterben 140 Tausend Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Es ist mittlerweile Allgemeinwissen, dass das Rauchen nicht nur Atemwege- oder Herzkrankheiten verursacht, sondern auch die Mundgesundheit gefährdet und das Risiko zu Krebs erhöht. Das Nikotin, welches durch das Rauchen eingenommen wird überschreitet rapid die Blut-Hirn-Schranke und greift das Immunsystem an. Die Tabaksucht entsteht genau so schnell wie die Alkoholsucht. Neben der physischen Sucht, entwickelt sich auch eine psychische Sucht, weil das Rauchen angeblich einen Ausweg aus stressigen Situationen anbiete und die Funktion einer Pause habe. Nichtsdestotrotz bleiben die Tabakprodukte und die Tabakwerbungen legal.

Und so kommen wir zu einer anderen Art von legalen Drogen, und zwar zu den Medikamenten.

Diese Art von Sucht findet auf kurze Sicht psychisch und auf lange Sicht physisch statt und ist die wenigst bekannte von allen Arten von Suchtverhältnissen. Zwei Millionen Deutsche, hauptsächlich Frauen und Senioren, nehmen jeden Tag Beruhigungsmittel. Diejenigen, die regelmäßig Beruhigungsmittel nehmen, konsumieren meistens gleichzeitig Alkohol.

Schulkinder nehmen Medikamente, um gegen die Angst und ihre Begleiterscheinungen wie Bauch- oder Kopfschmerzen zu kämpfen. Medikamente, die bei dem Angst oder bei Wut eingenommen werden, können innerhalb von einer kurzen Zeit von z.B. vier Wochen physisch süchtig machen. Über zwei Millionen Deutsche sind süchtig nach Beruhigungsmitteln und Schlaftabletten.

Der Jahresumsatz vom Riesenkonzern Bayer beträgt 14,7 Milliarden US Dollar. Deutschlandweit werden Medizinstudenten mit Geschenken oder der Finanzierung der unbedingten Weiterbildungen versucht zu überzeugen, sich während des oder nach dem Studium bei den Pharmakonzernen Karriere zu machen. Es gibt (sehr wahrscheinlich durch die Anwerbungen der Pharmakonzerne) einen enormen Mangel an Ärzten in Deutschland, dass man z. B. wegen der Behandlung einer einzigen Beschwerde teilweise drei Mal zu der selben Praxis gehen muss, weil die Praxen keine Kapazität haben, sich eine halbe Stunde Zeit pro Patient zu nehmen bzw. vermeiden wollen, dass das Arbeitsaufkommen ins grenzenlose steigt. Bei den Zahn- oder Frauenärzten in Großstädten betragen die Wartezeiten teilweise Monate.

Und was ist eigentlich mit den Medikamentenwerbungen im Fernsehen? Für alles mögliche an Medikamenten wird im TV genau so oft wie Tabak- oder Alkoholwerbungen geworben.

Während der Konsum der o.g. legalen Drogen mit Risiken verbunden ist, ist der Konsum von Cannabis illegal, obwohl Cannabis ohne chemische Substanzen Schmerzmittel und Schlaftabletten ersetzen könnte und sich in den eigenen vier Wänden anbauen lässt. Die Anzahl der Todesfälle, die durch Cannabis zustande kamen beträgt null, eine Zahl mit der sich u.a. die Argumente gegen den Cannabiskonsum auflisten lässt (an dieser Stelle überlasse ich es euch zu überlegen, wie sich die Legalisierung von Cannabis auf die Jahresumsätze von Pharmakonzernen und auf die damit zusammenhängenden Steuern auswirken würde).

Dass Doppelmoral überall in der Welt existiert ist mir schon klar, aber ich sehe trotzdem eine Hoffnung darin, weil wir es nicht einsehen wollen.

P.S.: Die Ermittlungen gegen Cem Özdemir wurden eingestellt.

Quellen:

http://www.aktionswoche-alkohol.de/hintergrund-alkohol/zahlen-fakten.html

http://www.rauchfrei.de/raucherstatistik.htm

http://www.palverlag.de/medikamentenabhaengigkeit.html

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Welcome to my blog! Here you will find some inputs of politics of Turkey, women in media and animal and women’s rights. The name is Sibel Schick and I was born on a wednesday on the hot southwest coast of Turkey as the only child of an arranged marriage. I left my home city 2009 due to the twofold discrimination I experienced as a kurdish woman. Currently I live in Cologne, Germany with my roommates and three cats. I spend most of my time at the TH Köln where I study Online-Redaktion and writing articles for various media. Besides I am keeping busy with the proactive platform erktolia.org which I co-founded, the turkish version of the international anti-sexist community macholand.org. I make and cherish music in my spare time and enjoy comedies.

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